Risikofaktoren und Ausblick

  • Unter dem kürzlich gewählten Präsidenten Obrador zeichnet sich eine neue politische Ära ab.
  • Umstrittene politische Entscheidungen fördern jedoch die Unsicherheit.
  • Starke makroökonomische Grundlagen stärken die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas.
  • Es wird fiskalische Kontinuität angestrebt, während die öffentliche Verschuldung Mexikos weiterhin nachhaltig ist.
  • Credendos Risikoprognose für Mexiko bleibt insgesamt stabil.

Fakten & Kennzahlen

Pro

  • Solide makroökonomische Grundlagen
  • Wichtiger Produktionssektor
  • Fiskalische Kontinuität und nachhaltige Schuldendynamik
  • Starker politischer Rahmen und unabhängige Institutionen

Kontra

  • Verletzlich durch die Verlangsamung der US-Konjunktur und durch Verzögerungen bei der NAFTA-Aktualisierung
  • Exponiert gegenüber sich ändernden Bedingungen an den Finanzmärkten
  • Ölproduktion im Abwärtstrend (Netto-Kraftstoffimporteur)
  • Korruption und steigende Kriminalitätsrate

Staatsoberhaupt

  • Präsident Andrés Manuel López Obrador

Bevölkerung

  • 129,2 Millionen

BIP (2017)

  • 1.151 Mrd. USD

Pro-Kopf-Einkommen

  • 8.610 USD

Einkommensgruppe

  • Oberes mittleres Einkommen

Länderstudie

Eine neue politische Ära zeichnet sich ab

Der linke Nationalist und ehemalige Bürgermeister von Mexiko-Stadt, Andrés Manuel López Obrador, übernahm am 1. Dezember 2018 offiziell das Amt des mexikanischen Präsidenten, nachdem er die Wahlen vom Juli 2018 überzeugend gewonnen hatte. Zum ersten Mal gehört der mexikanische Präsident weder der Partido Revolucionario Institucional an (PRI; „Partei der institutionalisierten Revolution“), die das Land fast ein Jahrhundert lang regierte, noch der traditionellen Opposition Partido Acción Nacional, die 12 Jahre lang regierte. Tatsächlich wurde Obradors Morena-Partei (Movimiento Regeneración Nacional) erst 2014 als politische Partei registriert, was eine völlig neue politischen Ära in Mexiko einläutete. Obradors Wahlsieg war keine Überraschung, da er der Anti-Establishment-Kandidat war, der von der Wut der Wähler über Korruptionsskandale, Mexikos Rekord-Mordrate und die allgegenwärtige Ungleichheit profitierte. 

Auf legislativer Ebene erzielte Obradors Koalition außerdem eine Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses, was ihn zum mächtigsten Präsidenten seit Jahrzehnten macht und eine reibungslose Gesetzgebung ermöglicht. Die seit September 2018 regierende Mehrheit könnte sich sogar auf zwei Drittel erhöhen, wenn kleine Parteien beschließen sollten, zusammen mit der Koalition zu stimmen. Einige wichtige anstehende Reformen erfordern dies für eine Verfassungsänderung (in den Bereichen Energie, Arbeit, Telekommunikation und Steuern). Trotz des erwarteten fehlenden Oppositionsdrucks könnte die parteiinterne Spaltung zwischen Mitgliedern, die marktfreundliche Reformen anstreben, und solchen, die eine stärkere staatliche Beteiligung bevorzugen, die Politikgestaltung erschweren.

Umstrittene politische Entscheidungen fördern jedoch die Unsicherheit

Seit seinem Amtsantritt hat Präsident Obrador großen Eifer gezeigt, indem er rasch Reformen zur Eindämmung der Korruption und Verbrechensbekämpfung einleitete (durch die Schaffung einer umstrittenen Nationalgarde unter militärischer Kontrolle). Andererseits erhöhte er die Sozialausgaben und präsentierte ehrgeizige Infrastrukturprojekte. Die bisherigen Reformen in den Bereichen Energie und Bildung, die sein Vorgänger Peña Nieto veranlasste, könnten jedoch von der neuen Regierung rückgängig gemacht werden. Der neu gewählte Präsident hat ein Abkommen mit den USA und Kanada zur Aktualisierung des NAFTA (Nordamerikanische Freihandelsabkommen) – USMCA genannt – akzeptiert, was die Unsicherheit in Bezug auf die Handelsbeziehungen zu den USA erheblich reduziert hat. Obwohl das neue Handelsabkommen von den drei jeweiligen Staats- und Regierungschefs unterzeichnet wurde, muss es von der Legislative aller beteiligten Länder ratifiziert werden, bevor es in Kraft treten kann. Obwohl das USMCA-Abkommen („United States-Mexico-Canada Agreement“) viele Ähnlichkeiten mit NAFTA aufweist, gibt es gewisse Unterschiede in Bereichen wie Dienstleistungen, E-Commerce, strengere Ursprungsregeln und strengere automatische Regelungen.

Präsident Obrador versucht, durch eine ungewöhnliche Kombination aus Kongressdebatte und direkter Demokratie zu regieren, indem er viele Entscheidungen dem Volk zur Abstimmung stellt, die die Machtkontrolle des Kongresses an den Rand drängen werden. Im Oktober 2018 organisierte Obrador eine Volksbefragung zum Abbruch des Baus eines riesigen Flughafens für Mexiko-Stadt. Das eine Prozent der Wähler, die daran teilnahmen, stimmten für den Abbruch, und Obrador verpflichtete sich, dieses Ergebnis zu respektieren, obwohl das Projekt bereits 5 Milliarden US-Dollar (von insgesamt 13 Milliarden USD) gekostet hatte und bereits 30 % gebaut worden waren. Die Finanzmärkte gerieten durcheinander und ließen die mexikanischen Anleihen und Währungen abstürzen, was die Zentralbank veranlasste, die Zinsen auf 8,15 % (höchster Zinssatz seit 2008) anzuheben. Der Bau des Flughafens wurde jedoch fortgesetzt, um den staatlichen Flughafenkonzern davor zu bewahren, 6 Milliarden US-Dollar an Flughafenanleihen zurückzahlen zu müssen, falls die Arbeiten abgebrochen würden. Um einen Zahlungsverzug zu vermeiden, hat die Regierung kürzlich ein Geschäft mit den Anleihegläubigern der 6 Mrd. USD an Flughafenanleihen abgeschlossen, und einen Teil in Höhe von 1,8 Mrd. USD der Anleihen zurückgekauft. Derzeit laufen Verhandlungen über eine Vertragsauflösung.

Nach dem Flughafendebakel drohte die Unsicherheit der Vertrauenswürdigkeit Mexikos an den Kapitalmärkten zu schaden, die Kreditkosten zu erhöhen und das Interesse an mexikanischen Anleihen zu dämpfen. Dennoch gelang es bei der Vorstellung des Haushalts 2019, die Anleger zu beruhigen, da allgemein finanzpolitische Verantwortung gezeigt wurde, die den Peso wieder stärkte. Darüber hinaus hat die neue Regierung wiederholt Pragmatismus versprochen und sich verpflichtet, den starken politischen Rahmen in Mexiko sowie die Unabhängigkeit der wirtschaftspolitischen Institutionen zu erhalten.

Starke makroökonomische Grundlagen stützen die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas

Das Wirtschaftswachstum in Lateinamerikas zweitgrößter Volkswirtschaft blieb in den letzten 5 Jahren stabil und wird voraussichtlich ein BIP-Wachstum von 2,1 % im Jahr 2019 und von 2,2 % im Jahr 2020 erreichen. Die Inflation sank 2018 auf 4,8 % (gegenüber 6,8 % im Jahr 2017) und dürfte sich dank einer umsichtigen Geldpolitik 3 % annähern. Der mexikanische Peso (2018 gegenüber dem USD um weniger als 5 % gesunken) folgt einem flexiblen Wechselkurssystem, das bei der Bewältigung externer Schocks half.

Die mexikanische Ölförderung folgt einem Abwärtstrend (von 2,5 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2013 auf 1,9 Mio. im Jahr 2018), was vor allem auf jahrelange Unterinvestitionen in das hoch verschuldete staatliche Mineralölunternehmen Pemex und überhöhte Abgaben zurückzuführen ist. Die finanzielle Gesundheit von Pemex ist nach wie vor ein wichtiges Anliegen. Darüber hinaus verliert Pemex Berichten zufolge jährlich 3 Milliarden US-Dollar aufgrund von Kraftstoffdiebstahl vor allem durch lokale Banden und Drogenkartelle. In einem kürzlich unternommenen Versuch, Kraftstoffdiebstahl durch die Verlagerung des Transports von gefährdeten Pipelines auf Tanklastwagen zu bekämpfen, verursachte die Regierung drei Wochen nach Amtsantritt einen erheblichen Kraftstoffmangel im ganzen Land. Sofern sich dieser nicht über die kommenden Monate hinzieht, dürften die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum begrenzt bleiben, während die unternommenen Bemühungen langfristig die Finanzdaten stärken könnten.
Mexiko importiert große Mengen an Erdöl, seit 2015 mehr als es exportiert. Es ist zu erwarten, dass das Land mindestens bis 2022 ein Netto-Ölimporteur bleiben wird, obwohl Obrador plant, die Produktion und die inländischen Raffineriekapazitäten zu erhöhen. Im Gegensatz zu vielen ölproduzierenden Ländern ist die mexikanische Wirtschaft nicht allzu sehr vom Export von Erdölerzeugnissen abhängig (5 % der Export-Gesamteinnahmen), da Industrieerzeugnisse wie Maschinen, elektronische Geräte und Automobilerzeugnisse den Löwenanteil der Ausfuhren des Landes ausmachen (70 % der Gesamteinnahmen). 

Das überschaubare Leistungsbilanzdefizit schwankt seit 2013 um rund 2 % des BIP. Dies wird auch in den kommenden Jahren erwartet. Mexiko zieht erhebliche Mengen an ausländischen Direktinvestitionen und große, jedoch volatile Zuflüsse von Portfolioinvestitionen an. Allerdings fließen auch große Kapitalbeträge aus dem Land ab, was zu Episoden begrenzter Finanzierungsengpässe bei der Zahlungsbilanz in den Jahren 2015, 2016 und 2017 führte. Dies erklärt den Rückgang der Devisenreserven auf nach wie vor ausreichende 3,8 Monate Importdeckung (September 2018) nach Jahren mit stabilem Liquiditätsniveau um die 4,5 Monate.

Haushaltskontinuität wird angestrebt, bei weiterhin nachhaltiger Dynamik der öffentlichen Verschuldung

Die neue Regierung konnte die Marktunsicherheit durch die Vorlage eines verantwortungsvollen Budgets für 2019 abmildern. Seit 2016 hat eine umsichtige Finanzpolitik in der primären Haushaltsbilanz (ohne Zinszahlungen) einen knappen Überschuss erreicht, wodurch das gesamte Haushaltsdefizit von 4 % des BIP im Jahr 2015 auf 2,8 % im Jahr 2016 und 1,1 % im Jahr 2017 gesenkt wurde. Es wird erwartet, dass das Haushaltsdefizit ab 2019 aufgrund der verbesserten Steuereinnahmen (Verringerung von Steuerhinterziehung und -umgehung) und der geringeren laufenden Ausgaben auf ein beherrschbares Niveau von 2,5 % des BIP begrenzt bleibt. Der gesamte Schuldenstand der Regierung erreichte 2016 mit 56,8 % des BIP einen Höchststand und dürfte sich 2018 und in den kommenden Jahren bei passablen 53 % stabilisieren. Bei der Hälfte der Staatsschulden handelt es sich um Auslandsverbindlichkeiten, doch nur ein Drittel lautet auf ausländische Währungen, wobei die meisten zu festen Zinssätzen mit relativ langen Laufzeiten ausgegeben werden. Der gesamte Auslandsschuldenstand (1/3 Verschuldung des privaten Sektors) hat sich seit 2016 bei etwa 40 % des BIP stabilisiert und wird auch in den kommenden Jahren auf diesem Niveau bleiben. Auch der Schuldendienst bewegt sich auf einem bescheidenen Niveau. Dementsprechend wird sowohl die externe als auch die öffentliche Verschuldung Mexikos allgemein als nachhaltig eingestuft.

Die fiskalische Abhängigkeit vom Ölsektor (20 % der gesamten Staatseinnahmen) und die starke Abhängigkeit von  der Konjunktur in den USA dürften strukturelle Schwächen bleiben. Darüber hinaus stellen die Verschärfung der Finanzmarktbedingungen, die Zunahme der globalen Handelsspannungen oder die Umkehrung der Kapitalströme aus den Schwellenmärkten erhebliche Risiken für die offene mexikanische Wirtschaft dar. Im Inland könnten unkluge politische Entscheidungen die Marktunsicherheit erhöhen und möglicherweise die Refinanzierungsbedingungen Mexikos beeinträchtigen. Andererseits wurde das Risiko für plötzliche Veränderungen in den wichtigsten Handelsbeziehungen Mexikos, die seine lebenswichtigen Industrieexporte belasten könnten, durch das USMCA-Abkommen verringert. Allgemeinen haben sich die wirtschaftlichen Aussichten dadurch verbessert. Verzögerungen bei der Ratifizierung des USMCA-Handelsabkommens können jedoch nicht ausgeschlossen werden, aufgrund erneuter diplomatischer Auseinandersetzungen zwischen Mexiko und den USA, z. B. über den Bau der Grenzmauer oder aufgrund einer politischen Polarisierung im US-Kongress, die die Ratifizierung blockiert. Dies könnte zu erneutem Druck auf den mexikanischen Peso und zu einer höheren Inflation führen, wie es bei der Wahl Trumps geschah.

Credendo ordnet Mexiko in die kurzfristige politische Risikokategorie 2/7 mit stabiler Perspektive ein. Das Land verfügt über eine geringe kurzfristige Auslandsverschuldung, wobei die Devisenreserven ausreichend sind. Das mittel-/langfristige politische Risiko ist in Kategorie 3/7 mit stabiler Perspektive anzusiedeln. Mexikos moderates Risiko-Rating reflektiert seine moderaten Außenverschuldungs- und Schuldendienstquoten, seine vertretbaren Leistungsbilanzdefizite, seinen soliden Staatshaushalt und seine wirtschaftliche Diversifizierung, obwohl das Land stark von der US-Wirtschaft abhängig ist.

Analystin: Louise Van Cauwenbergh – l.vancauwenbergh@credendo.com