Risikofaktoren und Ausblick

Das mittel- bis langfristige politische Risiko der Philippinen wird stabil in Kategorie 3 von 7 eingestuft. Der unverändert starke Wachstumskurs des BIP und die effektive makroökonomische Politik haben in den vergangenen Jahren eine Eindämmung der Risiken und eine Verbesserung der Kennzahlen bewirkt. Eine zunehmend diversifizierte Wirtschaft, gesunde öffentliche Finanzen, ein geringes Leistungsbilanzdefizit sowie eine niedrige Auslandsverschuldung tragen zu dieser Entwicklung bei. Diese Faktoren dürften dem Land ermöglichen, dem sich langsam verschlechternden globalen Umfeld mit relativer Zuversicht entgegenzublicken. Das globale Umfeld ist derzeit gekennzeichnet von den Folgen des US-Protektionismus und der angespannteren Finanzlage, ansteigendem externen Druck und damit einhergehenden Kapitalabflüssen und Peso-Abwertung. Gleichzeitig erhöht die wiederkehrende Instabilität in den Bereichen Politik und Sicherheit das politische Risiko des Landes.

Das kurzfristige politische Risiko wird dank der guten Liquidität in Kategorie 2 von 7 eingestuft. Das Geschäftsrisiko befindet sich auf einem „normalen“ Niveau, da der starke Konjunkturzyklus und die gesunde Finanzlage die recht schwierigen geschäftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen ausgleichen. Auch weiterer Abwertungsdruck auf den Peso könnte die Aussichten trüben.

Fakten & Kennzahlen

Pro

  • Umsichtige und effektive makroökonomische Politik
  • Gute Fundamentaldaten, starkes Wachstum
  • Umfangreiche Rücküberweisungen philippinischer Arbeiter
  • Junge, gut ausgebildete Erwerbsbevölkerung

Kontra

  • Anfällig für globalen Handelskrieg und US-Protektionismus
  • Infrastrukturdefizite
  • Hohe Armut
  • Hohe Terrorgefahr im muslimischen Süden

Staatsoberhaupt und Regierungschef

  • Rodrigo Duterte

Bevölkerung

  • 104,9 Millionen

BIP (2017)

  • 313,4 Mrd. USD

Pro-Kopf-Einkommen

  • 3.660 USD

Einkommensgruppe

  • Niedriges mittleres Einkommen

Länderstudie

Auf einen Blick

  • Wachsende Macht des Präsidenten und Pläne für Verfassungsreform überschatten politische Stabilität
  • Islamistische Terrorgefahr nimmt zu; engere Beziehungen zu China kommen der Wirtschaft zugute
  • Konjunkturzyklus weiterhin stark dank günstiger externer Bedingungen
  • Vielfältige Wachstumstreiber, auch umfassende Infrastrukturinvestitionen
  • Protektionismus der USA, die angespanntere globale Finanzlage sowie Inflation bilden Abwärtsrisiken
  • Finanzpolitische Spielräume, niedrige Auslandsverschuldung und gute Liquidität dürften Schocks abfedern

Anschwellende Macht des Präsidenten überschattet politische Stabilität

Der populistische Präsident Duterte hat das Land seit seiner Wahl im Jahr 2016 stark geprägt, nicht nur durch seine deutlichen Worte, sondern auch aufgrund seiner starken Parlamentsmehrheit und ungeheuren Popularität. Letztere beruht unter anderem auf der anhaltenden wirtschaftlichen Dynamik und der Anti-Drogen-Kampagne, die bereits über 10.000 Menschen das Leben gekostet hat. Gleichzeitig nutzt er sein Mandat, um seine Macht weiter zu festigen. Die schärfsten Kritiker seiner Politik, entweder gegnerische Spitzenpolitiker oder der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, wurden verhaftet oder von einer wenig unabhängigen Justiz abgesetzt, was die Schwächung des Rechtsstaates illustriert. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Verlängerung des Kriegsrechts auf der Insel Mindanao wider, das im vergangenen Jahr nach langen Kämpfen gegen IS-Anhänger in Marawi verhängt worden war.

Des Weiteren hat der Präsident eine Verfassungsreform hin zu einem föderalen Umbau des Staates vorgeschlagen, die den Regionen größere Eigenständigkeit in steuerlichen und rechtlichen Fragen einräumen würde. Der Reformentwurf sieht eine Stärkung der Exekutivgewalt des Präsidenten vor und verleiht ihm die Berechtigung, für zwei Amtszeiten von je vier Jahren statt wie bisher für lediglich eine Amtszeit von sechs Jahren zu kandieren. Die für Mai 2019 anstehenden Parlamentswahlen würden auf 2022 verschoben werden und Duterte könnte bis zur Präsidentschaftswahl im selben Jahr mit einer starken Mehrheit weiterregieren. Eine Klausel in der derzeitigen Verfassung hätte ihm eine zweite Amtszeit verwehrt. Die Reform dürfte sich als kontroverses und möglicherweise unbeliebtes Vorhaben erweisen, wie die gescheiterten Versuche seiner Vorgänger zeigen. Nach der Genehmigung durch das Parlament würde zur neuen Verfassung ein Referendum abgehalten werden.

Politische Gewalt stellt anhaltendes Risiko dar, während sich die Beziehungen zu China verbessert haben

Das moderate Risiko politischer Gewalt (in Kategorie 4 von 7) wird von innerstaatlichen Spannungen charakterisiert. Innenpolitisch sieht sich das Land, vorrangig in Mindanao, mit einer chronischen und weiterhin zunehmenden Terrorbedrohung durch militante Gruppierungen (z. B. Abu Sayyaf) konfrontiert. Diese geht auf „Rückkehrer“ zurück sowie auf die Bestrebungen von lokalen islamistischen Rebellenbewegungen, die dem IS nahestehen und im Süden des Landes ein regionales Kalifat gründen möchten. Positiv anzumerken ist, dass das Parlament kürzlich ein Gesetz zur Gründung der autonomen Region Bangsamoro im Süden der Philippinen verabschiedet hat (wo Duterte ehemals Bürgermeister der Stadt Davao City war). Auch wenn derzeit noch einige rechtliche Hürden bestehen, könnte die Umsetzung des Gesetzes die Friedensaussichten für die vorwiegend muslimische Bevölkerung dank der Demobilisierung lokaler bewaffneter Gruppen (insb. der Moro Islamic Liberation Front) erheblich verbessern. Außenpolitisch setzt Duterte trotz einer positiven Entscheidung des internationalen Schiedsgerichts bezüglich der Hoheitsansprüche auf umstrittene Inseln im Südchinesischen Meer auf eine pragmatische Herangehensweise und damit auf engere Beziehungen zu Peking. Im Gegenzug profitiert das Land von bedeutsamen Investitionen und Handel aus China. Angesichts der zunehmenden Militarisierung Chinas und der steigenden Anzahl Schiffe in den umstrittenen Gewässern, insbesondere rund um das Scarborough-Riff, könnte sich seine Haltung jedoch unter öffentlichem und politischem Druck verhärten. Die Gefahr von Auseinandersetzungen und wieder aufflammenden Spannungen könnte demnach zunehmen.

Eindrucksvoller Konjunkturzyklus

Die philippinische Wirtschaft, als eine der stärksten in Südostasien, befindet sich in einer ausgesprochen guten Verfassung. Das im vergangenen Jahr erzielte reale BIP-Wachstum von 6,7 % wird 2018 voraussichtlich wiederholt. Mittel- bis langfristig dürfte sich der positive Zyklus bis 2023 mit einem Durchschnittswert von 6,9 % fortsetzen.

Diese Entwicklung ist auf diverse Wachstumstreiber zurückzuführen: vom robusten Privatkonsum bis hin zu einer starken globalen Nachfrage, die 2017 zu einem Rekordexport von Elektronikprodukten führte, den mit 2/3 der Gesamtexporte wichtigsten Exportwaren. Auch der Dienstleistungssektor weist dank solider Ergebnisse im Bereich Business Process Outsourcing und rasch ansteigender Tourismuseinnahmen (2017: + 36 % ggü. dem Vorjahr) eine starke Dynamik auf. Der kräftige Konjunkturzyklus wird außerdem von steigenden (öffentlichen) Infrastrukturinvestitionsprogrammen begünstigt, die 2017 eingeleitet wurden und im Rahmen von über zwanzig Projekten entschlossen umgesetzt werden. Mit dem 170 Milliarden Dollar umfassenden Fünfjahresprogramm Build, Build, Build (BBB) soll etwa die Entwicklung des Transportsektors vorangetrieben werden (Schienen, Straßen, U-Bahnen usw.). Mittel- bis langfristiges Ziel sind dabei die Reduzierung des Infrastrukturdefizits und die Verbesserung des Geschäftsumfeldes. China ist als dominanter Investitionspartner an zahlreichen Projekten beteiligt.  

Mit Ausnahme der Nichtelektronikexporte, die im bisherigen Verlauf des Jahres 2018 einen Negativtrend aufwiesen, sind die Aussichten für diese Wachstumstreiber für die kommenden zwölf Monate positiv.

Protektionismus der USA, die angespanntere globale Finanzlage sowie Inflation bilden Abwärtsrisiken

Dennoch könnte sich das reale BIP-Wachstum 2019 infolge ungünstiger externer Entwicklungen und der Straffung der philippinischen Geldpolitik abschwächen. US-Protektionismus und eine Verschärfung des Handelskriegs mit China bergen Abwärtsrisiken für die philippinische Wirtschaft. Mögliche Auswirkungen sind höhere Importkosten und eine schwächere externe Nachfrage. Diese Auswirkungen könnten unmittelbar von den USA ausgelöst werden, dem mit 15 % aller Waren wichtigsten Exportmarkt, oder mittelbar von China, das ca. 17 % der philippinischen Waren reexportiert. Der Export von Elektronikprodukten und elektrischen Geräten weist die größte Anfälligkeit gegenüber dem Handelskrieg zwischen den USA und China auf. Der Dienstleistungssektor wirft noch größere Fragen auf, da zahlreiche US-Firmen ihre Unternehmensdienstleistungen in die Philippinen auslagern. Außerdem kann die restriktivere Einwanderungs- und Arbeitspolitik der US-Regierung ein Drittel der enormen Rücküberweisungen (nahezu 22 % der Leistungsbilanzeinnahmen) gefährden, die von in den USA lebenden philippinischen Arbeitern stammen.

Gleichzeitig ist ein Anstieg der Zinssätze festzustellen, der auf Inflationsdruck infolge höherer Steuern und gestiegener Öl- und Nahrungsmittelpreise zurückzuführen ist. Auch die Entwicklung der Wirtschaft entsprechend dem Potenzial spielt hierbei eine Rolle. Im Juni überschritt die Inflation die Fünf-Prozent-Marke und erreichte damit ein Sechs-Jahres-Hoch.

Trotz starker Exporte und beträchtlicher Direktinvestitionen weisen die Leistungs- und Zahlungsbilanz seit 2016 ein leichtes Defizit auf. Dies ist einerseits auf das Investitionsprogramm BBB zurückzuführen, in dessen Rahmen Investitionsgüter importiert werden. Andererseits führt die Normalisierungspolitik der US-Notenbank zu Kapitalabflüssen aus Schwellenmärkten und einer Stärkung des Dollars (USD). Von dieser Entwicklung wird der philippinische Peso im Vergleich zu den übrigen asiatischen Währungen besonders hart getroffen (-7 % ggü. dem USD in der ersten Jahreshälfte 2018). Da mit einem weiteren Anstieg des Leistungsbilanzdefizits gerechnet wird, dürfte dieser Druck auch künftig bestehen bleiben.

Der flexible Wechselkurs ist ein wichtiges Mittel für die Reduzierung externer Schocks. Die erwarteten weiteren Zinserhöhungen und die soliden Fundamentaldaten des Landes dürften ebenfalls zur Eindämmung der Pesoabwertung und der Auswirkungen der Kapitalabflüsse beitragen. Außerdem führt das BBB-Programm unverändert zu einem umfangreichen Zufluss von Direktinvestitionen, der in den kommenden Jahren dank der langsamen Verbesserung des Geschäftsumfelds weiter zunehmen dürfte. Dies bedeutet, dass das Investorenvertrauen zwar angeschlagen ist, aber trotz Portfoliokapitalabflüssen nicht gänzlich verschwinden wird. 

Kapitalpuffer und niedriges Finanzrisiko federn künftige Schocks ab

Fiskalische Expansion könnte die Auswirkungen der restriktiven Geldpolitik ausgleichen und das Wachstum auf hohem Niveau halten. Zur Finanzierung der rasch ansteigenden Infrastrukturausgaben hat die Regierung eine Steuerreform verabschiedet, die sowohl Steuererhöhungen als auch eine Erleichterung der Einkommensteuer umfasst. Damit sollen die Staatseinnahmen bis 2020 auf immer noch vergleichsweise niedrige 20 % des BIP erhöht werden. Die Regierung kann sich diese hohen Staatsausgaben dank finanzpolitischer Spielräume erlauben, die das Ergebnis einer der bemerkenswertesten politischen Entwicklungen des vergangenen Jahrzehnts sind. Seit 2011 schwankt der Haushalt geringfügig zwischen defizitär und ausgeglichen, und dürfte mittel- bis langfristig knapp im Minus liegen. Zwischen 2004 und 2017 konnte die gesamtstaatliche Verschuldung auf beherrschbare 37,8 % des BIP halbiert werden und dürfte diesen Abwärtstrend langsam fortsetzen.

Den Ursprung dieser Entwicklung bildet das Bekenntnis mehrerer aufeinanderfolgender Regierungen zu Kontinuität, Umsicht und einer Wirtschaftspolitik, die makroökonomische Stabilität und Haushaltsdisziplin bewahrt. Das politische Umdenken begann 2004 unter Präsidentin Arroyo und wurde von Benigno Aquino III. bekräftigt. Damit wurde der Grundstein für eine Verbesserung der Fundamentaldaten und eine dauerhafte wirtschaftliche Erfolgsgeschichte gelegt (zwischen 2010 und 2017 lag das BIP-Wachstum bei durchschnittlich 6,4 %).

Diese Neuausrichtung wirkt sich auch auf die Auslandsverschuldung aus, die im Jahr 2017 nach einem seit 2004 anhaltenden Abwärtstrend bei unter 25 % des BIP und 65 % der Leistungsbilanzeinnahmen lag.
Ein stärkerer US-Dollar und höhere Zinssätze hätten trotzdem negative Auswirkungen auf die am stärksten verschuldeten Unternehmen, deren Verbindlichkeiten zu großen Teilen auf Dollar lauten.

Die Währungsreserven sind robust, auch wenn sie sich in den vergangenen Jahren annähernd stabilisiert haben, während die Importe, insbesondere aufgrund von Investitionsprojekten, angestiegen sind. Die Zahl der abgedeckten Monatsimporte ist damit von 9 Monaten im Jahr 2015 auf 6,3 Monate im vergangenen April zurückgegangen. Die beträchtlichen Währungsreserven decken jedoch unverändert die niedrige kurzfristige Verschuldung sowie den moderaten Schuldendienst ab.

Insgesamt erscheint die philippinische Wirtschaft trotz des Anstiegs externer Risiken gut gerüstet und weist starke Finanzpuffer auf, die ihr helfen, künftigen externen Schocks die Stirn zu bieten. Dies trägt zur Einstufung des mittel- bis langfristigen politischen Risikos in die moderate Kategorie 3 von 7 bei. 

Analyst: Raphaël Cecchi – r.cecchi@credendo.com