Risikofaktoren und Ausblick

Seit geraumer Zeit ist Uruguay in der Region ein Vorbild für politische Stabilität, doch auch wirtschaftlich steht das Land gut da. In den vergangenen 15 Jahren wurde ausschließlich positives BIP-Wachstum erzielt und seit jüngerer Zeit weist auch die Leistungsbilanz einen Überschuss auf. Die wichtigste Schwachstelle bildet nach wie vor das hohe Niveau der Auslands- und Staatsverschuldung. Aufgrund der politischen Stabilität und wirtschaftlichen Belastbarkeit wird das mittel- bis langfristige politische Risiko Uruguays seit 2010 gut bewertet und in Kategorie 3 von 7 eingestuft.

Dank der umfangreichen Währungsreserven, die das Risiko einer erhöhten kurzfristigen Auslandsverschuldung ausgleichen, wird auch das kurzfristige Risiko seit 2012 in Kategorie 3 von 7 eingestuft.

Das Geschäftsklima hat sich im vergangenen Jahr erheblich verbessert. Die Verbesserung der Wachstumsperspektiven und der Leistungsbilanz sowie die höhere Kreditverfügbarkeit in Verbindung mit einer moderaten Inflation haben Credendo dazu bewegt, das Geschäftsrisiko Uruguays in die niedrigste Kategorie einzustufen: Kategorie A auf einer Skala von A bis C.

Der Ausblick ist insgesamt stabil, weist aber aufgrund der ausgeprägten Marktöffnung des Landes eine unveränderte Anfälligkeit für externe Schocks auf. Diese potenziellen Schocks gehen insbesondere auf den weltweit ansteigenden Handelsprotektionismus, die Erholung des Ölpreises sowie niedrige Ausfuhrpreise zurück. Innenpolitisch kommt den anhaltenden Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung große Bedeutung zu.

Fakten & Kennzahlen

Pro

  • Eins der stabilsten, wirtschaftlich erfolgreichsten und demokratischsten Länder der Region
  • Hohe Währungsreserven
  • Diversifizierte Wirtschaft
  • 15 Jahre BIP-Wachstum

Kontra

  • Erhöhte Auslands- und Staatsschuldenraten
  • Wirtschaftliche Offenheit in einem Umfeld von zunehmendem Handelsprotektionismus
  • Anfällig für Wetterschwankungen

Staatsoberhaupt

  • Präsident Tabaré Vázquez

Nächste Wahlen

  • 27. Oktober 2019, Stichwahl 24. November 2019 wenn nötig

Bevölkerung

  • 3,4 Mio.

BIP (2017)

  • 58,6 Mrd. USD

Pro-Kopf-Einkommen

  • 15230 USD

Einkommensgruppe

  • Hohes Einkommen

Hauptexportgüter (in % der Leistungsbilanzeinnahmen)

  • Tourismus (14,6), Fleisch (10,0), Industriegüter (9,8), Transport (2,8)

Länderstudie

Auf einen Blick

  • Uruguay gilt als die „Schweiz Südamerikas“: Es ist eines der stabilsten, wohlhabendsten und demokratischsten Länder in der Region.
  • Nach einem Weckruf in Form einer tiefen Rezession im Jahr 2002 hat das Land seine Exporte und Handelspartner erfolgreich diversifiziert, was zu einem 15 Jahre währenden BIP-Wachstum geführt hat.
  • Die Leistungsbilanz weist seit 2016 einen Überschuss auf, was den historisch niedrigen Ölpreisen und dem starken argentinischen Peso zu verdanken ist, der zu hohen Tourismuseinnahmen führt.
  • Uruguay verfügt über umfangreiche Währungsreserven, doch die Auslandsverschuldung befindet sich auf einem hohen Stand.
  • Das Haushaltsdefizit hat in den vergangenen Jahren zugenommen, doch mit wirksamen Konsolidierungsmaßnahmen dürfte die Staatsverschuldung auf einem tragfähigen Niveau verbleiben.

Die Schweiz Südamerikas

Anfang des 20. Jahrhunderts erlangte Uruguay als eines der stabilsten, wohlhabendsten und demokratischsten Länder der Region den Beinamen „Schweiz Südamerikas“. Eine von 1973 bis 1985 herrschende Militärjunta trübte dieses Bild. Als Reaktion auf wirtschaftliche und politische Turbulenzen, insbesondere Angriffe von linksgerichteten Guerillagruppen in den Städten Anfang der 70er Jahre, setzte die Regierung die Verfassung außer Kraft und leitete eine repressive Militärherrschaft ein. Doch seit der Wiederherstellung der Demokratie im Jahr 1985 wird Uruguay wieder seinem Ruf gerecht und ist weitgehend stabil.

Seit 2005 wird das Land vom linken Bündnis „Frente Amplio“ (FA) regiert, nachdem die Politik zuvor 170 Jahre lang von den beiden großen Parteien Partido Blanco und Partido Colorado dominiert worden war. Der derzeitige Präsident Tabaré Vázquez wurde 2014 mit einem klaren Sieg ins Amt gewählt. Seine Partei, die FA, verfügt in beiden Kammern des Parlaments über eine Mehrheit. Vázquez regiert das Land nicht zum ersten Mal: Bereits zwischen 2005 und 2010 hatte er das Präsidentenamt inne, bevor er die Macht an seinen Parteikollegen José Mujica übertrug (uruguayische Präsidenten müssen ihr Amt nach einer Amtszeit abgeben).

Die FA und ihre Präsidenten verfolgen seit jeher einen pragmatischen, linksgerichteten Kurs. So wurden soziale und wirtschaftliche Reformen umgesetzt, die zur Senkung von Armut und Arbeitslosigkeit geführt haben, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer wirtschaftsfreundlichen Politik. Folglich ist das Anlegervertrauen im Land unverändert hoch.

Vázquez steht vor der Herausforderung, die unterschiedlichen Interessen innerhalb der aus unterschiedlichen politischen Parteien bestehenden FA miteinander in Einklang zu bringen. Fortschritte in einigen Politikfeldern, besonders hinsichtlich des unpopulären Plans zur Haushaltsanpassung, dürften durch interne Differenzen gebremst werden. Es ist zu erwarten, dass der Druck auf Vázquez mit dem Herannahen des Wahljahres 2019 weiter zunimmt. Der Fortbestand der Regierungskoalition wird hierdurch jedoch nicht bedroht und der politische Kurs dürfte weiterhin insgesamt stabil, vorhersehbar und transparent bleiben.

Bekämpfung des Haushaltsdefizits zur Gewährleistung einer tragfähigen Staatsverschuldung

In den vergangenen Jahren ist das Haushaltsdefizit gestiegen und erreichte 2016 den immer noch moderaten Höchstwert von -4 % des BIP. Diese Entwicklung ist auf die Abschwächung des uruguayischen Wachstums zurückzuführen, die 2015 mit der Rezession in Brasilien einsetzte. Seitdem hat die Regierung Konsolidierungsmaßnahmen eingeleitet, die einen Rückgang des Haushaltsdefizits bewirkt haben. Für das Jahr 2018 wird mit Primärüberschüssen gerechnet, doch aufgrund der Belastung durch Zinszahlungen dürfte die Gesamtbilanz weiterhin defizitär bleiben (2018 auf -2.9 % des BIP geschätzt). Die Zinszahlungen haben einen erheblichen Umfang und entsprechen rund 10 % der Einnahmen. In den kommenden Jahren rechnet der IWF mit einer Stabilisierung des Haushaltsdefizits bei ca. -2,5 % des BIP. Gleichzeitig zeichnen sich Wahljahre, wie auch das Jahr 2019, durch höhere Ausgaben und Defizite aus. Daher ist die konsequente Konsolidierung des Haushalts eine wichtige Voraussetzung für die Gewährleistung der fiskalischen Nachhaltigkeit.

Rückblickend verzeichnet die Staatsverschuldung einen starken Rückgang von ursprünglich nahezu 100 % des BIP im Jahr 2003 auf rund 66 % des BIP Ende 2017. Allerdings hat die Staatsverschuldung in den letzten fünf Jahren aufgrund des steigenden Haushaltsdefizits wieder zugenommen. Da für die kommenden Jahre ein Rückgang des Haushaltsdefizits prognostiziert wird, ist mit einer Stabilisierung der Staatsverschuldung bei ca. 65 % des BIP zu rechnen.

Die diversen FA-Regierungen sind gegen die Staatsverschuldung aktiv vorgegangen. Zum einen wurde die Laufzeit der Schulden verlängert, so dass praktisch von langfristigen Schulden gesprochen werden kann (mehr als zehn Jahre). Zum anderen wurde das Wechselkursrisiko nach einem Schuldentausch Ende 2011 reduziert. Dennoch ist der Anteil an Fremdwährungskrediten unverändert hoch, insbesondere da der Wechselkurs schwankt.

15 Jahre anhaltendes BIP-Wachstum nach Weckruf in Form einer Wirtschaftskrise

Zwischen 1999 und 2004 befand sich die uruguayische Wirtschaft in einer Rezession, die von einer Rezession in Argentinien, einer Abwertung des brasilianischen Real und dauerhaft niedrigen Preisen in der Landwirtschaft (einem wichtigen Exportsektor) ausgelöst wurde. Die Rezession wurde von der argentinischen Finanzkrise im Jahre 2002 weiter verschärft, die in Uruguay ein negatives BIP-Wachstum von 11 % bewirkte. Als Argentinien seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen konnte, zogen Argentinier ihr Geld von den Banken in Uruguay ab und verursachten damit einen Bankensturm. Dank eines IWF-Rettungsprogramms konnte ein Zahlungsausfall verhindert werden. 

Die Umschuldung der Auslandsschulden und internationale Finanzhilfen führten zu einer raschen Erholung, doch die uruguayische Politik erkannte die Notwendigkeit weitergehender Maßnahmen. Zum einen wurde die Regulierung des Bankensektors verbessert, was dazu geführt hat, dass der Sektor heute robuster ist als vor der Krise 2002.
Zum anderen waren Diversifizierungsmaßnahmen erforderlich. Die Behörden begannen, die Wirtschaft von den großen Nachbarstaaten Brasilien und Argentinien abzukoppeln und neue Exportmärkte zu erschließen. Während im Jahr 2000 noch 23 % der uruguayischen Exporte nach Brasilien und 18 % nach Argentinien gingen, reduzierten sich diese Werte bis 2015 auf jeweils 14 % und 5 %. Gleichzeitig entwickelte China sich mit einem 15-prozentigen Anteil an den Gesamtexporten zum größten Handelspartner. Des Weiteren stieg das Land in neue Industriezweige ein, z. B. Software und audiovisuelle Dienste. Heute weist die Wirtschaft einen relativ hohen Diversifizierungsgrad auf und die Hauptexportgüter sind Tourismus (ca. 15 % der Leistungsbilanzeinnahmen im Jahr 2017), Fleisch und Industrieerzeugnisse (jeweils 10 % der Leistungsbilanzeinnahmen). Die Strategie war erfolgreich, da die uruguayische Wirtschaft trotz der globalen Wirtschaftskrise im Jahr 2008 und der jüngeren Rezession in Brasilien und Argentinien (2017) stetig gewachsen ist. Seit 2004 zählt das Land sogar zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Lateinamerikas und kann 2018 auf ein 15 Jahre währendes BIP-Wachstum zurückblicken. Auch wenn in den kommenden Jahren ein Rückgang des Wachstums gegenüber dem im vergangenen Jahrzehnt erzielten Durchschnitt von über 4 % erwartet wird, dürfte die Rate u. a. dank geplanter Investitionen in die Eisenbahninfrastruktur bei robusten 3 % verbleiben.

Verbesserung der Leistungsbilanz in einem Kontext hoher Währungsreserven, jedoch ebenfalls erhöhter Auslandsverschuldung

Nachdem Uruguay zehn Jahre lang lediglich ein Defizit vorweisen konnte, erwirtschaftet das Land seit 2016 einen Leistungsbilanzüberschuss. Für diese Verbesserung gibt es zwei Hauptgründe. Erstens profitiert Uruguay als Ölimporteur von den historisch niedrigen Ölpreisen. Zweitens schaffte Argentinien 2015 seine Import- und Währungsbeschränkungen ab, was zu einem starken Anstieg der Tourismuseinnahmen führte.
Auch für 2018 wird ein leichter Überschuss erwartet, bevor die Leistungsbilanz wieder in den Negativbereich fällt. Allerdings bleiben die Leistungsbilanzdefizite Prognosen zufolge gering.

In den meisten Jahren profitiert Uruguay von starken Zuflüssen ausländischer Direktinvestitionen, häufig für Unternehmen, die in Freizonen tätig sind. Bereits vor 2016 wurde das Leistungsbilanzdefizit vorwiegend von diesen Kapitalzuflüssen finanziert. 2016 ging der Nettozufluss von Direktinvestitionen jedoch auf null zurück und spiegelte damit die tiefe Rezession in Argentinien und Brasilien wider, die in den vorangegangenen zehn Jahren zu den wichtigsten Investitionsquellen gehört hatten. Infolgedessen gerieten die Währungsreserven unter Druck. Seitdem befinden sie sich absolut gesehen jedoch wieder in einem Aufwärtstrend und erreichten sogar ein derart hohes Niveau, dass im März 2018 elf Monatsimporte abgedeckt werden konnten. Auch mittelfristig werden anhaltend hohe Währungsreserven prognostiziert, während der starke Zufluss von Direktinvestitionen fortdauern dürfte.

Die Auslandsverschuldung ist innerhalb von fünf Jahren absolut gesehen um 10 % gestiegen. Seit 2017 ist sie jedoch relativ gesehen zurückgegangen und wird sich voraussichtlich auf dem derzeitigen hohen Stand weitgehend stabilisieren.

Langfristig sind die Entwicklung des Ölpreises und der Weltmarktpreise wichtiger Exportwaren (u. a. Rindfleisch, Reis und Soja) für das Land von entscheidender Bedeutung. Auch weitere Diversifizierungsbemühungen zur Reduzierung der Abhängigkeit von Agrarprodukten wären ein wichtiger Schritt, da das Land anfällig für ungünstige Witterungsbedingungen ist (z. B. El Niño). So könnte Uruguay dem seit fünf Jahren stagnierenden Export von Industrieerzeugnissen neue Impulse verleihen.

US-Handelsprotektionismus birgt Chancen und Risiken

US-Präsident Donald Trump bewegt sein Land in eine protektionistische Richtung. Dabei konzentriert er sich in erster Linie auf Länder, mit denen die USA ein Handelsdefizit haben. Daher ist positiv zu erwähnen, dass die USA mit Uruguay einen Handelsüberschuss haben und das Land folglich nicht unmittelbar von den US-Maßnahmen getroffen wird.

Allerdings richten die Handelszölle sich gegen wichtige uruguayische Handelspartner wie zum Beispiel China, Mexiko und die EU. Die Konsequenzen der neuen Politik werden auch davon abhängen, wie einige der Haupthandelspartner der USA, allen voran China, auf die Zölle reagieren werden. Eine Eskalation steigender Einfuhrzölle würde das Geschäftsklima, Investitionsentscheidungen, diplomatische Beziehungen und letzten Endes die Leistung der gesamten Weltwirtschaft treffen. Als kleines, aber ausgesprochen offenes Land bliebe auch Uruguay von einem solchen Szenario nicht unbeeinflusst. Negativ zu erwähnen ist, dass eine Vereinbarung zwischen China und den USA, das Handelsdefizit durch den Export zusätzlicher amerikanischer Agrarerzeugnisse nach China zu reduzieren, nachteilige Folgen für den uruguayischen Export haben könnte. 

Bisher haben die Handelspartner jedoch in verhältnismäßiger Weise reagiert und vergleichbare Warenzölle eingeführt. Zwar werden Warenkosten dadurch in die Höhe getrieben, doch eine signifikante Abschwächung des Wachstums ist nicht zu erwarten. Für Uruguay könnten diese Entwicklungen positive Auswirkungen haben, etwa der Anstieg des Sojabohnenpreises (ein wichtiges Exportprodukt) infolge der Androhung chinesischer Einfuhrzölle auf Sojabohnen aus den USA. Auch zunehmender Handelsprotektionismus zwischen den Vereinigten Staaten und China könnte die Länder dazu zwingen, zur Deckung ihres Versorgungsbedarfs auf andere Handelspartner zurückzugreifen, zum Beispiel Uruguay.

Analystin: Jolyn Debuysscher – J.Debuysscher@credendo.com