Risikofaktoren und Ausblick

Mit dem Abflauen des Rohstoffbooms begann ab 2011 der Rückgang der brasilianischen Wirtschaft. In jüngerer Zeit zeigt zusätzlich eine Vertrauenskrise die Grenzen des konsumgestützten binnenwirtschaftlichen Wachstumsmodells auf. Auslöser dieser Krise waren in erster Linie die politische Ungewissheit in Bezug auf das Festhalten an der „heilige Dreifaltigkeit“ der makroökonomischen Politik, die Straffung der Finanzierungsbedingungen sowie die Abkühlung des Arbeitsmarkts. In der Folge stagnierte die Wirtschaft, die öffentliche Finanzlage spitzte sich zu, die Inflation schnellte in die Höhe, der Wechselkurs brach ein, das Leistungsbilanzdefizit verschärfte sich und die Auslandsverschuldung stieg an. Diese Verschlechterung der Fundamentaldaten veranlasste die Credendo Group im Mai 2015 dazu, das mittel- bis langfristige politische Risiko Brasiliens auf Kategorie 4 (von 3) herabzustufen.

Seitdem hält der Negativtrend unverändert an und die Risikodaten haben sich weiter verschlechtert. Dies ist nicht zuletzt auf die schwere politische Krise zurückzuführen, die die Wiederherstellung des Vertrauens und eine politische Antwort auf die strukturellen Defizite im Land unmöglich macht. So haben Ermittlungen bezüglich Rückvergütungen in Höhe mehrerer Milliarden US-Dollar beim staatlichen Erdölkonzern Petrobras zu Haftstrafen für zahlreiche Spitzenpolitiker und -unternehmer geführt. Des Weiteren wurde Präsidentin Rousseff mit dem Vorwurf der Manipulation der Haushaltsbilanz suspendiert. In diesem Kontext ist davon auszugehen, dass Rousseff im Verlaufe dieses Jahres endgültig ihres Amtes enthoben wird und die Leitung der Regierungsgeschäfte bis zur nächsten Präsidentschaftswahl im Jahr 2018 in den Händen des Übergangspräsidenten Michel Temer verbleibt. Vor dem Hintergrund der extrem instabilen politischen Lage bleibt jedoch abzuwarten, ob es seinem Kabinett gelingt, die brasilianische Wirtschaft aus der Rezession zu führen.

Diese Faktoren haben zur Folge, dass das mittel- bis langfristige politische Risiko im Juli 2016 erneut herabgestuft wurde – von Kategorie 4 auf Kategorie 5. Auch das Geschäftsrisiko in Brasilien hat sich verschlechtert, die anhaltende Rezession, der Rückgang der Kreditvergabe an den Privatsektor sowie die jüngste Währungsabwertung sind die Gründe für die Einstufung des Geschäftsrisikos in die höchste Kategorie (C bei Kategorie A bis C). Doch auch wenn Geschäfts- und Bonitätsrisiko klar angestiegen sind, gilt dies aufgrund der unverändert großen Fremdwährungsbestände nicht für das Liquiditätsrisiko. Somit stuft die Credendo Group das kurzfristige politische Risiko weiterhin in Kategorie 2 ein.

Fakten & Kennzahlen

Pro

  • Enormes Rohstoffpotenzial
  • Armut wurde erheblich verringert
  • Große Fremdwährungsbestände

Kontra

  • Wirtschaft befindet sich in einer Rezession
  • Politische Krise
  • Steigende Auslandsverschuldung

Hauptexportgüter

  • Fertigwaren (27,9 % der Leistungsbilanzeinnahmen), Soja (8,3 %), Öl (7,4 %), Zucker (2,7 %), Tourismus (2,4 %), Kaffee (2,2 %), Rindfleisch (2,1 %)

Einkommensgruppe

  • Hohes mittleres Einkommen

Pro-Kopf-Einkommen

  • 11.760 USD

Bevölkerung

  • 202 Millionen

Wahlsystem

  • Präsident und Abgeordnetenkammer: Wahlen alle vier Jahre, letzte Wahl: Oktober 2014
  • Senat: Amtszeit von acht Jahren, gestaffelte Wahlen

Staatsoberhaupt und Regierungschef

  • Übergangspräsident Michel Temer

Länderstudie

Rousseff auf dem Abstellgleis

Bis vor Kurzem wurde die brasilianische Politik von der gemäßigt linken Arbeiterpartei PT dominiert. Unter ihrer Regierung wurden Ungleichheit und insbesondere die Armut in beispiellosem Maße gesenkt: Viele Millionen Menschen konnten der Armut entfliehen und in die untere Mittelschicht aufsteigen. Die sozioökonomischen Erfolge führten zu einer Phase relativer politischer Stabilität, die nur gelegentlich von Korruptionsfällen oder Kabinettsumbildungen zur Gewährleistung der Unterstützung durch den Koalitionspartner unterbrochen wurde. Dies änderte sich während der ersten Amtszeit von Präsidentin Dilma Rousseff, die 2011 die Nachfolge des extrem beliebten Luiz Inácio Lula da Silva antrat.

Mit dem Abschwung der Wirtschaft sank auch die Unterstützung für die PT. Die Unzufriedenheit äußerte sich insbesondere im Juni 2013, als über eine Million Menschen in zahlreichen brasilianischen Städten auf die Straße gingen, um gegen die steigende Inflation, Korruption, hohe Steuern, die schlechte Qualität der öffentlichen Versorgung sowie die enormen Kosten für die Austragung großer Sportereignisse (FIFA Weltmeisterschaft 2014 und Olympische Spiele 2016) zu demonstrieren. Rousseff wurde bei der Präsidentschaftswahl 2014 nur knapp wiedergewählt, was eine tiefe Spaltung der öffentlichen Meinung entlang sozioökonomischer Bruchlinien offenbarte. Da die Politik der PT stets den Armen zugute gekommen war, konnte sie auf die Unterstützung der unteren Bevölkerungsschichten zählen. Ein Großteil der Mittelklasse in den Städten, und besonders Vertreter der Wirtschaft unterstützten jedoch die Partei der Brasilianischen Sozialen Demokratie (PSDB), von der sich viele Investoren eine wirtschaftsfreundlichere Politik sowie eine Rückkehr zur makroökonomischen Orthodoxie versprachen.

Kurz nach der Wahl weitete sich der Korruptionsskandal um den staatlichen Erdölkonzern Petrobras immer weiter aus, und die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich zusehends. In der Folge sanken Rousseffs Umfragewerte auf ein Rekordtief. Ihre Position als Präsidentin wurde unhaltbar, als die vermeintliche Verwicklung ihres Mentors Lula da Silva in den Petrobras-Skandal die Partei der Demokratischen Bewegung Brasiliens (PMDB) – die größte Fraktion im Kongress und wichtigster Partner der PT – im März 2016 dazu zwang, sich aus der Regierungskoalition zurückzuziehen. Ein umstrittenes Amtsenthebungsverfahren gegen die Präsidentin wegen vermeintlicher Verstöße gegen Haushaltsregeln (Verwendung von Geldern der Staatsbank zur Reduzierung des Defizits) erhielt hierdurch breite Unterstützung und im Mai 2016 wurde Rousseff vom Amt suspendiert.

Anhalten der politischen Turbulenzen wahrscheinlich

Während die Vorwürfe gegen Rousseff vom Senat geprüft werden (das endgültige Urteil wird im Verlaufe dieses Jahres verkündet, doch aufgrund der politischen Stimmung erscheint eine Rehabilitierung unwahrscheinlich), übernimmt Vizepräsident Michel Temer den Posten des Regierungschefs. Nach dem Bruch zwischen der PMDB und Rousseffs PT hat Temer eine geschäftsführende Regierung eingesetzt, die eine wirtschaftsfreundliche Politik verfolgt und die Unterstützung diverser ehemaliger Oppositionsparteien sowie des Privatsektors genießt.

Doch auch wenn die Märkte anfänglich eine positive Reaktion auf die neue Regierung zeigten, ist ihre politische Stellung ausgesprochen fragil. Zum einen prüft das Wahlgericht derzeit noch Vorwürfe, Rousseff und Temer hätten zur Finanzierung ihres Wahlkampfes 2014 Mittel verwendet, die aus Korruption stammen. Auch wenn die Ergebnisse dieser Untersuchung möglicherweise erst 2017 vorliegen, könnten sie dazu führen, dass Temer des Präsidentenamtes enthoben wird. Zum anderen dürfte es zunehmend schwierig werden, die für die Verabschiedung von Sparmaßnahmen notwendige Kongressmehrheit zu sichern, da die Wahlen näher rücken und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung steigt. Dies wäre eine Verschärfung der ohnehin schon bestehenden öffentlichen Empörung über die mangelnde demokratische Legitimation der neuen Regierung, sowie die Ernennung (und den anschließenden Rücktritt) von Ministern, gegen die im Petrobras-Skandal ermittelt wird. Das Land wird vermutlich auf absehbare Zeit unter zerrütteten politischen Verhältnissen leiden. Vor diesem Hintergrund dürften die für die Wiederherstellung des Anlegervertrauens und die Lösung der wirtschaftlichen Probleme so dringend notwendigen politischen Maßnahmen weiterhin ausbleiben.

Wirtschaftswunderland im Niedergang

Bis zum Beginn des Wirtschaftsabschwungs Anfang 2011 sorgten internationale und nationale Rahmenbedingungen für eine wahre Erfolgsgeschichte. Außenpolitisch profitierte Brasilien von vorteilhaften Handelsbedingungen und günstigem Zugang zu Krediten. Während ersteres auf die hohe Nachfrage aus China und den damit einhergehenden kräftigen Anstieg der Rohstoffpreise zurückzuführen ist, spiegelt letzteres das Vertrauen internationaler Investoren in die brasilianische „Heilige Dreifaltigkeit“ der makroökonomischen Politik wider: ein flexibler Wechselkurs (eingeführt nach der Entwertung, die die Zahlungsbilanzkrise von 1999 beendete), Inflationssteuerung und gut verwaltete Staatsfinanzen (beides wurde als Teil des „Plano Real“ eingeführt, als Antwort auf die Hyperinflation in den frühen 1990er Jahren). Hauptantrieb für das inländische Wachstum war der hohe Konsum der privaten Haushalte. Dieser wurde von Kreditwachstum und Umverteilungsmaßnahmen der Regierung Lula da Silva gefördert, z. B. der Anhebung des Mindestlohns, dem Programm „Bolsa Família“, das an Bedingungen geknüpfte Zahlungen an arme Familien vorsah, sowie ein beitragsfreie Rentensystem.

Doch eine schwache externe Nachfrage (infolge des nachlassenden Wachstums in China, der mäßigen Erholung in den USA und der Krise in der Eurozone) sowie das Abflauen des Rohstoffbooms läuteten ab 2011 den wirtschaftlichen Rückgang ein. Trotz einer akkommodierenden Geld- und Finanzpolitik blieb die Erholung aus. Das reale BIP-Wachstum fiel von 7,5 % (2010) auf 3,9 % (2011) und anschließend auf 1,9 % (2012). Nach einem bescheidenen Anstieg im Jahr 2013 kam es 2014 praktisch zu einer Stagnation. Seitdem hat sich die Lage eher verschlechtert als verbessert. Die externen Bedingungen wurden durch interne Probleme verschärft und in der Folge schrumpfte das reale BIP 2015 um 3,8 %. Die Konsumausgaben, die während der Boomjahre einen wichtigen Wachstumsmotor darstellten und bis vor Kurzem stabil waren, haben deutlich nachgelassen: Zunehmende Arbeitslosigkeit, enttäuschende Lohnerhöhungen, ein ohnehin schon hoher Verschuldungsgrad sowie steigende Zinssätze haben das Vertrauen der privaten Haushalte beeinträchtigt.

Auch das Anlegervertrauen hat gelitten, nicht zuletzt aufgrund der massiven Inflation. Bereits seit 2010 näherte sich die jährliche Preisentwicklung der Obergrenze des Zielkorridors der Zentralbank von 2,5 % - 6,5 %, doch zuletzt wurde diese Marke überschritten. Dies ist sowohl auf die längst überfällige Erhöhung der regulierten Preise für Kraftstoff, Strom etc., sowie auf die erhebliche Abwertung des Reals zurückzuführen, die zu einer Verteuerung der Importe geführt hat. In der Folge wurde 2015 eine Inflation von 10,7 % verzeichnet, dem höchsten Wert seit 2003. Diese Entwicklung überrascht, da seit Längerem eine Straffung der Geldpolitik verfolgt wird. Seit März 2013 hat die Zentralbank den Leitzins von 7,25 % auf 14,25 % erhöht und damit ein neuerliches Bekenntnis zur Inflationssteuerung signalisiert, die der Wirtschaftspolitik der „heiligen Dreifaltigkeit“ entspricht und die Ungewissheit der Entwicklung der Wirtschaftspolitik reduzieren soll. Aufgrund dessen wird erwartet, dass die Inflation in diesem Jahr auf 7,1 % und 2017 auf 6,0 % zurückgeht.

Finanzprobleme verschärfen sich...

Im Gegensatz zur Geldpolitik blieb die Finanzpolitik noch bis vor Kurzem akkommodierend. Insbesondere wurden Ziele, die im Gesetz zur finanziellen Verantwortung definiert worden waren, verfehlt, wodurch der entsprechende Pfeiler der „heiligen Dreifaltigkeit“ und das Vertrauen weiter untergraben wurden. Mit der Verschlechterung des Primärsaldos von einem Überschuss von 2,9 % des BIP im Jahr 2011 auf ein Defizit von 1,9 % im Jahr 2015 stieg die gesamtstaatliche Verschuldung im selben Zeitraum von ca. 61 % auf 74 % des BIP (obwohl der externen Zahlungsfähigkeit zugute kommt, dass es sich hierbei zu 80 % um Inlandsschulden handelt).

Die Verschlechterung der öffentlichen Finanzlage offenbart sich auch auf niedrigerer Verwaltungsebene. Hier ist speziell der amtierende Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro zu nennen, der kürzlich den finanziellen Notstand ausrief und warnte, die Krise könne zu einem „vollständigen Zusammenbruch der öffentlichen Sicherheit, des Gesundheits-, Bildungs- und Transportwesens sowie des Umweltmanagements führen.“ Aus Furcht vor den Konsequenzen für die Olympischen Spiele, die am 5. August in Rio beginnen sollen, versprach der amtierende Präsident Temer dem Bundesstaat eine Finanzspritze von zusätzlich 855 Millionen US-Dollar aus Bundesmitteln. Doch während dieser Betrag dem Bundesstaat die Deckung des dringendsten Liquiditätsbedarfs ermöglichen dürfte, erfordert die Lösung der finanziellen Probleme politische Maßnahmen struktureller Natur. Und das gilt nicht nur für Rio de Janeiro. Da die anhaltende Wirtschaftskrise in Brasilien zu einem Rückgang der Steuereinnahmen geführt hat und es zunehmend an Refinanzierungsmöglichkeiten zu angemessenen Konditionen mangelt, besteht wachsende Übereinstimmung darüber, dass ein Großteil der Schulden, die öffentliche Einheiten unterhalb der Staatsebene gegenüber der Zentralregierung haben, nicht nachhaltig sind. Es werden entsprechende Verhandlungen geführt, doch bisher wurde noch keine Einigung bezüglich einer endgültigen Umschuldung erzielt. Außerdem bleibt die Frage nach der Realisierbarkeit einer solchen Vereinbarung, insbesondere da ein Schuldenerlass zugunsten der Bundesstaaten die ohnehin schon angeschlagene Finanzlage der Zentralregierung weiter verschärfen würde.

Die Überwindung der wirtschaftlichen Krise erfordert die Überwindung der Vertrauenskrise

Vor dem Hintergrund der schwächelnden brasilianischen Wirtschaft findet der Gedanke, dass das inländische Wachstumsmodell einer strukturellen Veränderung bedarf, wachsende Zustimmung. In diesem Kontext konzentriert sich die Regierung des amtierenden Präsidenten Temer auf die Wiederherstellung der politischen Glaubwürdigkeit. Im Bereich der Geldpolitik bekräftigte sie ihr Bekenntnis zur Inflationssteuerung mit der Ernennung des neuen Zentralbankpräsidenten und der Ausweitung der Autonomie dieser Institution (die Gewährung vollständiger Unabhängigkeit könnte ein nächster Schritt sein). Im Bereich der Finanzpolitik werden begrüßenswerte Konsolidierungsanstrengungen unternommen. Besonders der neue Finanzminister verfolgt das ehrgeizige Ziel, sowohl das großzügige Rentensystem als auch die Haushaltsregel zur Indexierung staatlicher Ausgaben zu reformieren. Allerdings erfordert die Verabschiedung der entsprechenden Gesetze eine Parlamentsmehrheit von 60 %, und so bleibt abzuwarten, ob die Maßnahmen tatsächlich zur Umsetzung gebracht werden können. So oder so ist mit Sparprogrammen zu rechen, was die mittelfristigen Perspektiven verbessern, den kurzfristigen wirtschaftlichen Abschwung jedoch verschärfen dürfte. Daher wäre eine prozyklische Politik üblicherweise als unangebracht zu bewerten. Die brasilianischen Behörden haben jedoch kaum eine Wahl, da eine zunehmende Verschlechterung der öffentlichen Finanzlage den Zugang zu den internationalen Finanzmärkten einschränken würde – eine Konsequenz, die das Land sich nicht erlauben kann.

Diese Umstände begrenzen den Spielraum für wachstumsfördernde Maßnahmen ganz erheblich. Die Regierung kann lediglich versuchen, Zwänge auf der Angebotsseite zu reduzieren, in der Hoffnung, dem Vertrauen des Privatsektors neue Impulse zu verleihen. Wenn dies gelingt, könnte wieder ein Gleichgewicht zwischen konsum- und investitionsgestütztem Wachstum entstehen. Ein solches Gleichgewicht ist dringend erforderlich, da die gedämpfte Investitionsbereitschaft derzeit ein großes Hindernis für potenzielles Wachstum darstellt. In diesem Zusammenhang ist herauszustellen, dass im Jahr 2015 weniger als 20 % des brasilianischen BIP aus Investitionen stammten, während dieser Anteil in Ländern wie Chile, Kolumbien und Mexiko deutlich höher lag.

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Entsprechend geht der IWF von einem weiteren Rezessionsjahr aus, bevor sich die Wirtschaftsaktivitäten ab 2017 zu erholen beginnen. Konkret wird für 2016 ein realer BIP-Rückgang von 3,3 % und für 2017 ein Anstieg von 0,5 % erwartet. Doch auch diese spärliche Wachstumsprognose ist extrem unsicher: So ist sind die erfolgreiche Umsetzung der Strukturreformen, die Wiederherstellung des Vertrauens der privaten Haushalte und Investoren sowie die positive Entwicklung des Wechselkurses, der Rohstoffpreise und der externen Finanzierungsbedingungen mit großen Fragezeichen zu versehen. Darüber hinaus könnten die Auswirkungen des Petrobras-Skandals sich im Verlauf der Untersuchungen weiter verschärfen. Schon jetzt muss der Erdölkonzern die Einschränkung seines Zugangs zu den Finanzmärkten hinnehmen, was ihn zu einer erheblichen Investitionsdrosselung und der Veräußerung ausländischer Vermögenswerte gezwungen hat. Inlandsinvestitionen gehen hierdurch zusätzlich zurück.

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Eine Währungsabwertung allein kann die Wettbewerbsfähigkeit nicht wiederherstellen

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der wirtschaftliche Abschwung Brasiliens auch die außenwirtschaftliche Position des Landes beeinträchtigt hat. Die Leistungsbilanz ist seit 2008 negativ, und das Defizit hat sich seitdem erheblich erhöht. Aufgrund stabiler Importnachfrage (insbesondere nach Konsumgütern), verhaltener Auslandsnachfrage (verschärft durch die Krise in Argentinien), ungünstigeren Handelsbedingungen (niedriger Öl-, Eisenerz- und Sojapreis) und beeinträchtigter Wettbewerbsfähigkeit ist das Defizit von 1,6 % des BIP im Jahr 2009 (14 % der Leistungsbilanzeinnahmen) auf 4,3 % des BIP im Jahr 2014 (37 % der Leistungsbilanzeinnahmen) gestiegen.

Obwohl die Leistungsbilanzeinnahmen seitdem weiter zurückgegangen sind (in den vergangenen fünf Jahren sind sie um nahezu 30 % gesunken), scheinen sie den Tiefpunkt nunmehr überwunden zu haben. Neben dem Rückgang der Importnachfrage konnte Brasilien vom niedrigen Ölpreis profitieren, da das Land trotz der großen eigenen Fördermenge ein Nettoimporteur von Erdöl ist. In der Folge ist das Zahlungsbilanzdefizit im Jahr 2015 auf 3,3 % des BIP zurückgegangen (etwa 25 % der Leistungsbilanzeinnahmen) und dürfte 2016 auf 2,0 % (weniger als 14 % der Leistungsbilanzeinnahmen) und 2018 auf 1,0 % (weniger als 7 % der Leistungsbilanzeinnahmen) zurückgehen. Diese Prognose berücksichtigt nicht nur die Importdynamik, sondern auch die Annahme, dass der schwächere Wechselkurs den Export begünstigt und Brasilien von einer verbesserten Erdölbilanz durch die Erweiterung der Förderung auf den „Pre-Salt“-Feldern und der Raffineriekapazität profitieren wird.

Eine grundsätzliche Verbesserung der Außenhandelsposition würde jedoch Maßnahmen zur Beseitigung struktureller Wettbewerbshemmnisse erfordern. Bezeichnenderweise steht der Begriff „brasilianische Kosten“ für mangelhafte Infrastruktur, hohen Bürokratieaufwand, ein undurchsichtiges Steuersystem, unzureichenden Zugang zu Krediten sowie hohe Lohnstückkosten (u. a. aufgrund eines hohen Mindestlohns). Die Missstände äußern sich zum Beispiel in der Tatsache, dass Fertigwaren bis 2006 über 70 % der Warenexporte ausmachten, im Jahr 2015 jedoch kaum mehr als 50 %. Die Diversifizierung ist somit gesunken, während die Rohstoffabhängigkeit angestiegen ist.

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Doch trotz dieser Schwierigkeiten sind die Kapitalzuflüsse nach Brasilien noch immer recht robust: Die Zuflüsse an Nettodirektinvestitionen liegen seit 2012 bei durchschnittlich 3 % des BIP (2015 deckten sie sogar das gesamte Leistungsbilanzdefizit), während Portfolioinvestitionen sich von einem Tief im Jahr 2012 dank höherer Zinssätze der Zentralbank und dem Ende der Besteuerung von Kapitalzuflüssen erholt haben. Gleichwohl waren die Konsequenzen der Schwankungen auf den Finanzmärkten für den Real im Vergleich zu anderen Währungen von Schwellenländern besonders groß. Seit dem Erreichen seiner Höchstmarke im Jahr 2011 hat er gegenüber dem US-Dollar etwa 45 % seines Wertes verloren. Trotz der klaren Vorteile, die solch eine hohe Währungsabwertung für die internationale Wettbewerbsfähigkeit haben kann, haben Befürchtungen hinsichtlich importbedingter Inflation die Behörden zur Unterstützung des Reals gezwungen. Dies hat zu einer gewissen Unsicherheit bezüglich der Flexibilität des Wechselkurses geführt, die als erster Puffer gegen externe Schocks fungiert und damit den dritten Pfeiler der brasilianischen Wirtschaftspolitik der „heiligen Dreifaltigkeit“ bildet. Die Behörden verringerten in letzter Zeit die Aktivitäten zur Stützung der Währung, um das Vertrauen zu erhalten.

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Steigende Auslandsverschuldung – doch umfassende Finanzpuffer entschärfen das Liquiditätsrisiko

Die Auslandsverschuldung befand sich bis 2008 im Abwärtstrend. Damals lag der Wert bei 119 % der Leistungsbilanzeinnahmen bzw. 17 % des BIP. Seitdem haben zwei Rezessionen, die damit verbundenen schwachen Exportergebnisse sowie der stark ansteigende Verschuldungsgrad im Privatsektor diese Werte deutlich in die Höhe getrieben. Ende 2015 lag die Auslandsverschuldung auf dem extrem hohen Niveau von 280 % der Leistungsbilanzeinnahmen (nahezu 38 % des BIP). Und da die Leistungsbilanz defizitär bleiben dürfte, wird erwartet, dass die Auslandsverschuldung bis zum Ende dieses Jahres nahezu 300 % der Leistungsbilanzeinnahmen betragen wird. Dies bedeutet ein erhebliches Risiko.

Die zunehmende Bedeutung der Vergabe von auf Fremdwährung lautenden Schuldtiteln hat Unternehmen ermöglicht, Kredite mit längeren Laufzeiten und niedrigeren Zinsen aufzunehmen. Gleichzeitig hat dieser Umstand zu steigenden Schuldendienstverpflichtungen gegenüber dem Ausland geführt. Ausgedrückt in einem Anteil an den Leistungsbilanzeinnahmen stiegen die Verpflichtungen von 16 % im Jahr 2011 (dem Tiefstand) auf etwa 49 % im Jahr 2015. Und auch wenn sie in den kommenden Jahren wieder leicht zurückgehen dürften, bleibt das Niveau Erwartungen zufolge hoch – bei etwa 40 %.

In Bezug auf die Fremdwährungsbestände genießt Brasilien nach wie vor einen sehr soliden Liquiditätspuffer, der in den 2000er Jahren gebildet wurde. Ende April deckten die Reserven über 16 Monatsimporte von Waren und Dienstleistungen ab (die Standardschwelle liegt bei drei Monatsimporten). Die Reserven liegen immer noch bei 52 % der gesamten Auslandsverschuldung und betragen das 4,5-Fache der kurzfristigen Verschuldung, sowie mehr als das 3-Fache der jährlichen Schuldendienstverpflichtung.

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