Risikofaktoren und Ausblick

Ein Großteil der Spitzenpositionen innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas steht vor einer Neubesetzung. Da Xi Jinping die Macht jedoch unverändert fest in den Händen hält, ist die politische Kontinuität in Zeiten eines allmählichen Abschwungs infolge der wirtschaftlichen Neuorientierung weiterhin gewährleistet. Der Prozess schreitet jedoch zu langsam voran, da Peking zum Erhalt der sozialen Stabilität weiterhin das Wirtschaftswachstum antreibt. Solche Maßnahmen tragen zum Anstieg der ohnehin schon hohen Inlandsverschuldung bei. In der Folge verdüstern sich die Zukunftsaussichten für China, das kontinuierlich von erheblichen Nettokapitalabflüssen sowie Kursverlusten des Renminbi und einem Rückgang der Währungsreserven getroffen wird. Da diese Reserven sich jedoch nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau befinden, kann das kurzfristige politische Risiko Chinas in Kategorie 1 von 7 eingestuft werden.

Externer Druck hat China dazu veranlasst, einige Kapitalverkehrskontrollen zu verschärfen und die Zinssätze zu erhöhen. Der Druck auf die chinesische Wirtschaft wird auch künftig anhalten. Wesentliche Faktoren sind in diesem Zusammenhang der starke US-Dollar, die große Zinsdifferenz gegenüber den USA, der Rückgang des Welthandels (der sich verschärfen könnte, wenn US-Präsident Trump einen Handelskrieg mit China auslöst) sowie negative Entwicklungen im Inland. Letztere beziehen sich vorwiegend auf die Schuldenspirale in der Wirtschaft und die schwindende Stabilität des Bankensektors. Eine schlüssige Strategie zur Entschuldung, insbesondere von Staatsunternehmen, hat Peking bisher nicht vorlegt. Außerdem sind Schritte zur Rekapitalisierung der Banken sowie zur effektiveren Regulierung des Schattenbanksystems erforderlich. Die beiden schwerwiegendsten strukturellen Risiken Chinas sind vorwiegend inländischen Ursprungs, da die Auslandsverschuldung niedrig ist. Ausgeglichen werden diese Risiken von der hohen Sparquote privater Haushalte, der starken Nettogläubigerposition des Staats, der niedrigen Verschuldung der Zentralregierung sowie der staatlichen Kontrolle der wichtigsten Unternehmen und Banken. Diese Faktoren, sowie die anhaltende politische Stabilität im Land, bilden die Grundlage für die Einstufung des mittel- bis langfristigen politischen Risikos Chinas in Kategorie 2 von 7. Diverse Maßnahmen der vergangenen Jahre belegen, dass Peking die Notwendigkeit von Reformen und Schuldenabbau bei Unternehmen anerkennt. Die eingeleiteten Schritte führen jedoch nur in den seltensten Fällen zu einer Lösung der immensen Probleme. Es bestehen erhebliche Zweifel, dass Präsident Xi Jinping ein stärkeres zweites Mandat für die Umsetzung ambitionierterer Reformen, etwa zur Umstrukturierung von Staatsunternehmen, nutzen wird. Je länger die Regierung tief greifende Reformen hinauszögert, desto schwerer wiegen die Risiken und Konsequenzen einer finanziellen (und wirtschaftlichen) Krise und desto weiter schwindet auch die Fähigkeit des Staates, einer solchen Krise angemessen zu begegnen. In einer diffizilen und ungewissen Übergangsphase, die von hoch verschuldeten Unternehmen, anhaltenden Überkapazitäten in der Industrie sowie zunehmenden Zahlungsrückständen bestimmt wird, stuft Credendo das Geschäftsrisiko Chinas weiterhin in die höchste Kategorie ein (C/C).

Fakten & Kennzahlen

Pro

  • Politische Stabilität
  • Starker Nettoauslandsgläubiger
  • Hohe Sparquote
  • Breite Mittelschicht

Kontra

  • Reformwiderstand innerhalb der Kommunistischen Partei
  • Sozioökonomischer Gesellschaftsvertrag wird vom Wirtschaftsabschwung bedroht
  • Immense Unternehmensverschuldung ist in einen Teufelskreis geraten
  • Anfälliger Bankensektor wird von notleidenden Krediten und mangelhafter Transparenz belastet

Präsident und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh)

  • Xi Jinping

Ministerpräsident

  • Li Keqiang

Nationaler Volkskongress (Fünfjahreszyklus)

  • Herbst 2017

Bevölkerung

  • 1371,2 Millionen

Pro-Kopf-Einkommen

  • 7820 USD

Einkommensgruppe

  • Hohes mittleres Einkommen

Hauptexportgüter

  • Elektrische Geräte und Anlagen (20,6 % der Leistungsbilanzeinnahmen), Maschinen und mechanische Geräte (14,5 %), Textilien (10,4 %), Faktoreinkommen (8,6 %), Basismetalle und daraus hergestellte Produkte (6,7 %), Tourismus (4,3 %)

Länderstudie

Kontinuität in einem Umfeld politischer Veränderungen

Die Tagung des Nationalen Volkskongresses (NVK) im kommenden Herbst stellt ein einschneidendes Ereignis dar, da ein Generationswechsel an der Spitze der KPCh erwartet wird. Er betrifft sowohl das Zentralkomitee (ZK) als auch den Ständige Ausschuss des Politbüros. Dieser Prozess dürfte reibungslos verlaufen und den Grundstein für künftige politische Stabilität legen. Derweil wird erwartet, dass Xi Jinping weitere ZK-Positionen mit seinen Vertrauten besetzt und im März 2018 erneut für fünf Jahre zum Präsidenten gewählt wird. Eine mögliche dritte Amtszeit ist allerdings mit einem Fragezeichen zu versehen. Da Xi die Macht während seiner ersten Amtszeit immer stärker auf seine eigene Person konzentriert hat, ist nicht auszuschließen, dass er längerfristig als Präsident regieren möchte (d. h. bis März 2028). Dies würde allerdings eine Verfassungsänderung erfordern und so ist denkbar, dass er sich stattdessen für eine dritte Amtszeit als Generalsekretär entscheidet. Die Zusammensetzung des Ständigen Ausschusses sowie die potenzielle Änderung ungeschriebener Wahlvorschriften (z. B. das Rücktrittsalter und die Beschränkung des Amts des Generalsekretärs auf zwei Amtszeiten) wird eine Einschätzung von Xis derzeitiger politischer Stärke erlauben.

Gleichzeitig verfolgt er ein landesweites Antikorruptionsprogramm, das von der Basis bis zur Führung keine Parteimitglieder verschont. So wird gegen Geschäftsführer von Staatsunternehmen, lokale Gouverneure, aber auch gegen Führungskräfte des Militär- und Sicherheitsapparats und sogar ehemalige Mitglieder des Ständigen Ausschusses vorgegangen. Diese Politik findet bei der chinesischen Bevölkerung großen Anklang. Gleichzeitig verschärft sein Vorgehen politische Ressentiments, da es die Privilegien der Parteimitglieder antastet. Insbesondere auf lokaler Ebene könnte so politischer Widerstand entstehen und sich zu einem Auslöser politischer Instabilität entwickeln. Xis autoritärer Regierungsstil geht mit verschärfter Medienzensur und härterem Auftreten seitens der Sicherheitskräfte zur Eindämmung sozialer Instabilität einher.

Tatsächlich stellen zunehmende soziale Proteste eine Bedrohung für die Legitimation der KPCh dar. Dies gilt umso mehr für ein Umfeld, in dem die Wirtschaft strukturell ins Stocken gerät und der Anteil der Fertigungsindustrie an der Gesamtleistung zurückgeht. Arbeiterproteste werden von ansteigenden Lohnrückständen geschürt. Hinzu kommen geplante Massenentlassungen (1,8 Mio. in den kommenden zwei Jahren) in der Kohle- und Stahlindustrie, in der aktuell Überkapazitäten bestehen. Darüber hinaus sieht die KPCh sich mit einer wachsenden Empörung seitens der Mittelschicht konfrontiert, die die schlechte Gesundheitsversorgung, insbesondere die dramatische Luftverschmutzung in den Großstädten, anprangert. Zur Wahrung ihrer Glaubwürdigkeit muss die Partei diesen Problemen mit tragfähigen Lösungen begegnen.

Mögliche Isolationspolitik der US-Regierung könnte China größeres internationales Gewicht verleihen

Chinas Außenpolitik wird von zwei Leitlinien bestimmt. Die erste bezieht sich auf Pläne zur geostrategischen Positionierung und wirtschaftlichen Entwicklung, mit denen die globalen Wirtschaftsinteressen verteidigt werden sollen. Die moderne Version der Seidenstraße im Rahmen der Initiative „Ein Gürtel, eine Straße“ unterstreicht diese Politik. Eine intensivere Zusammenarbeit mit Regierungen in Ländern, in denen Infrastrukturprojekte geplant sind, ermöglicht Peking das Erzielen erheblicher Handels- und Wirtschaftsvorteile sowie die gleichzeitige Steigerung seines politischen Gewichts auf globaler Ebene durch den Aufbau beiderseits günstiger Beziehungen. Des Weiteren baut China seine Rolle als Finanzgeber aus, indem es neue internationale Institutionen gründet (z. B. die AIIB), und positioniert sich als Freihandelspartner (z. B. mit dem geplanten Freihandelsabkommen 'Regional Comprehensive Economic Partnership' – RCEP). Fakten belegen, dass China die Rolle der USA als dominierende politische und wirtschaftliche Weltmacht zunehmend anfechtet. Diese Tendenz könnte sich weiter verstärken, wenn die USA künftig eine isolationistische Politik verfolgen.

Die zweite Leitlinie stellt eine Bedrohung für die künftige Sicherheit dar und betrifft Chinas Regionalpolitik. In deren Rahmen bestärkt das Land seine politische und militärische Macht in der Region mit dem Ausbau seiner militärischen Präsenz im Südchinesischen und Ostchinesischen Meer. Da Peking Letzteres als historisches 'mare nostrum' betrachtet, ist davon auszugehen, dass es die Aufschüttung künstlicher Inseln in den umstrittenen Seegebieten fortsetzen wird. Obwohl der Ständige Schiedshof im Juli vergangenen Jahres auf der Grundlage des Seerechtsabkommens Unclos Chinas Hoheitsansprüche absprach, baut das Land seine Präsenz mit unvermindertem Selbstbewusstsein aus. Früher oder später werden diese regionalen Spannungen unweigerlich zunehmen und möglicherweise in gewalttätige Auseinandersetzungen mit Japan, Vietnam und den Philippinen münden. Kurzfristig gesehen sind Spannungen mit diesen Ländern jedoch unwahrscheinlich, da sich die Beziehungen zu den letzten beiden Regierungen in jüngerer Zeit verbessert haben.

Südchinesisches Meer und ungewisse US-Politik auf der Sicherheitsagenda

Seit der Wahl Donald Trumps geht das größte Konfliktrisiko von der neuen US-Politik in der Region aus. So könnten die USA dazu übergehen, den Status quo mit ihrem größten Konkurrenten China anzufechten. Nicht nur ein Handelskonflikt, sondern auch eine schwankende Haltung der US-Regierung zu Taiwan, eine härtete Position gegenüber Nordkorea und Auseinandersetzungen zwischen amerikanischen und chinesischen Schiffen im Südchinesischen Meer können die regionale Sicherheit erheblich gefährden. Souveränitätsfragen sind für Peking nicht verhandelbar und eine unangemessene Thematisierung würde unweigerlich zu Vergeltungsmaßnahmen führen. Eine ungewisse US-Asienpolitik und Taiwans nationalistischer, aber gleichzeitig umsichtiger Präsident könnten mittelfristig zu regionaler Instabilität führen. Gleichzeitig hat Trumps jüngste Ankündigung, die Ein-China-Politik beizubehalten, die Gefahr von Spannungen vorerst gebannt.

Innenpolitisch dürften die größten Spannungen, abgesehen von sporadischer Gewalt in der Region Xinjiang, insbesondere von Hongkong ausgehen. Ende März wird ein neuer Regierungschef (Chief Executive) gewählt. Diese Wahl erfolgt in einem Klima zunehmender Opposition gegen Pekings Einflussnahme auf die politische Landschaft der Insel und die schärferen Kontrollen bürgerlicher Freiheiten. Dabei könnte es zu erheblichen Spannungen kommen, da es entgegen der in der Verfassung (Basic Law) festgelegten Bestimmungen wohl keine allgemeinen Wahlen geben wird. Peking bleibt in dieser Sache unnachgiebig, um ein Übergreifen auf das chinesische Festland zu verhindern. Pragmatismus dürfte letztendlich überwiegen.

Wachstumsförderung gegenüber Wirtschaftlicher Neuorientierung

Seit 2011 geht das Wirtschaftswachstum Chinas unaufhaltsam zurück. Das Wachstum des realen BIP lag 2016 bei ca. 6,7 % und dürfte mittelfristig auf 6 % zurückgehen. Dieses Jahr wird Peking die notwendigen Maßnahmen ergreifen, damit dieser Wert bis zur Tagung des NVK bei rund 6,5 % verbleibt. Es wird erwartet, dass Peking Konjunkturprogramme reduziert und seine Geldpolitik strafft, um so dem gestiegenen innenpolitischen Druck infolge zunehmender Ungleichgewichte zu begegnen. Nach einem sprungartigen Preisanstieg dürfte die Regierung den überhitzten Immobiliensektor mit einer Kürzung der übermäßig hohen Kredite abkühlen, die zu einem Anstieg der Unternehmensverschuldung auf ein extrem beunruhigendes Niveau beigetragen haben. Nachdem sich vorübergehend eine Deflation abgezeichnet hatte, ist inzwischen wieder eine Inflation von über 2 % zu verzeichnen, die auf einen Anstieg der Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise zurückgeht.

Die sanfte Landung der Wirtschaft, der dominante Dienstleistungssektor sowie die steigende Verbrauchernachfrage belegen, dass die ökonomische Neuorientierung erfolgreich auf den Weg gebracht wurde. Gleichzeitig zeigt die Regierungspolitik kein klares Bekenntnis zu einem wirtschaftlichen Paradigmenwechsel. Der Übergang hin zu einer konsumgestützten Wirtschaft schreitet viel zu langsam voran, was sich an Chinas anhaltender Abhängigkeit von Inlandsinvestitionen (2016: 43,7 % des BIP) und einem robusten, jedoch rückläufigen, Leistungsbilanzüberschuss illustrieren lässt. Aufgrund einer Negativentwicklung der Nettokapitalströme ist die Zahlungsbilanz seit 2015 in den deutlich negativen Bereich abgestürzt und dürfte mittel- bis langfristig defizitär bleiben. Dies widerspiegelt Chinas strukturelle Entwicklungen, insbesondere höhere chinesische Direktinvestitionen, die auf zunehmende Übernahmen ausländischer Unternehmen durch chinesische Konzerne zurückgehen, sowie eine seit 2014 anhaltende Kapitalflucht.

Verschärfte Kontrollen zur Bekämpfung von Kapitalabflüssen und RMB-Verfall 

Nachdem Kapitalabflüsse im Jahr 2016 zu einem Absturz des Renminbi von 7 % geführt haben, lag sein Wert auf dem niedrigsten Stand gegenüber dem US-Dollar seit 2008. Der Renminbi ist heute stärker am Markt orientiert und an einen umfangreicheren Korb aus 24 Währungen ausgerichtet, um den Marktdruck des US-Dollars zu lockern. Doch auch wenn er gegenüber diesem Korb leicht an Wert gewonnen hat, ist der Renminbi seit der unerwarteten 3-%-Abwertung gegenüber dem US-Dollar im August 2015 volatiler geworden. Da Pekings Glaubwürdigkeit seitdem zunehmend schwindet, dürfte das hohe externe Risiko Chinas aufgrund der auch künftig erwarteten Nettokapitalabflüsse und der nach dem Willen Pekings schrittweise zu erfolgenden Abwertung des Renminbi weiterhin bestehen bleiben. Beide Faktoren beruhen auf dem Abschwung der chinesischen Wirtschaft, der steigenden Zinsdifferenz gegenüber den USA vor dem Hintergrund der von der Fed geplanten Beschleunigung der Zinserhöhungen sowie einem starken US-Dollar. Zur Eindämmung von Kapitalabflüssen hat die Chinesische Volksbank (PBC) im vergangenen November Beschränkungen für Direktinvestitionen im Ausland, besonders in Nicht-Kerngeschäften, eingeführt, um verschleierte Kapitalflucht zu verhindern. Des Weiteren hat die PBC einige Kapitalverkehrskontrollen verschärft, z. B. für Dividendenzahlungen und den Kauf ausländischer Währungen durch Einzelpersonen. Solche Maßnahmen machen deutlich, dass Chinas Kapitalverkehr nur teilweise liberalisiert ist. Weitere Kapitalverkehrskontrollen sind möglich; es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sie direkte Auswirkungen auf grenzüberschreitende Handelsströme haben werden. Allerdings könnten die kürzlich verschärften Kapitalverkehrskontrollen für Renminbi-Überweisungen sehr wohl vorübergehende Konsequenzen für internationale Geschäfte in Renminbi haben und Pekings Bestrebungen unterwandern, den Renminbi als bedeutende internationale Währung zu etablieren.

Diese Entscheidungen, deren Folgen seit 2016 spürbar sind, unterstreichen die Verschlechterung des Geschäftsklimas und sind ein Vorbote für ein weiterhin unsicheres Umfeld. Wiederholte Zinserhöhungen erscheinen trotz der negativen Auswirkungen, die solche Maßnahmen auf hoch verschuldete Unternehmen haben könnte, zunehmend wahrscheinlich. Nicht zuletzt könnte der Renminbi auch durch Handelsspannungen unter der Präsidentschaft Donald Trumps getroffen werden, der auf protektionistische Rhetorik setzt und mit einer empfindlichen Erhöhung der Einfuhrzölle droht. Eine solche Entwicklung hätte Folgen für das Wirtschaftswachstum und den Exportsektor, in dem zahlreiche Arbeitsplätze angesiedelt sind. Der schwächere Anstieg des Renminbi könnte auf diese Weise ausgeglichen werden, da USA Chinas zweitgrößter Exportmarkt und wichtigster Handelspartner sind. Die Gefahr eines Handelskriegs wird theoretisch von den wirtschaftlichen Verflechtungen begrenzt und damit auch von Chinas Fähigkeit, für die US-Wirtschaft schmerzliche Vergeltungsmaßnahmen zu treffen (über Export und Direktinvestitionen).

Unternehmensverschuldung nimmt alarmierende Ausmaße an

Chinas Hauptrisiken nehmen unveränderlich zu. Die anhaltende Verschärfung der hohen Unternehmensverschuldung und die notleidenden Kredite der Banken führen zu einer Neubewertung der seit Langem bestehenden Auffassung, China sei in der Lage, eine Wirtschafts- und Finanzkrise abzuwenden. Das derzeitige chinesische Wachstum, das von ineffizienten Krediten getrieben wird und für die Aufrechterhaltung des hohen BIP-Wachstums zunehmend auf Schulden angewiesen ist, ist nicht nachhaltig. Die Unternehmensverschuldung liegt bei extrem hohen 170 % des BIP und übersteigt damit den Wert von Schwellenländern, die eine Krise hinter sich haben. Die Geschwindigkeit, mit der die Schulden ansteigen, ist noch besorgniserregender: Die Kreditvergabe ist seit 2009 um 75 % gegenüber dem BIP angeschwollen und liegt nunmehr weit über dem BIP-Wachstum.

Der Schuldenanstieg konzentriert sich auf einige wenige Sektoren: Der größte Anteil liegt beim Immobiliensektor, danach folgen Bergbau, Öl & Gas sowie Kohle und Stahl. Die Schulden lauten vorwiegend auf Renminbi (95 %), was das Risiko in Verbindung mit dem starken US-Dollar reduziert (ausgenommen von Sektoren mit Überproduktion, in denen der Dollaranteil höher ist). In einem Umfeld konjunkturellen Abschwungs und aufgezehrter Unternehmensgewinne würden höhere Zinsen die am höchsten verschuldeten Unternehmen jedoch zusätzlich unter Druck setzen und zu weiteren Zahlungsverzügen und Zahlungsausfällen führen. Unter Unternehmen treten immer häufiger Zahlungsausfälle auf (seit dem ersten erfassten Ausfall im Frühling 2014), die belegen, dass der Staat im Hinblick auf seine implizite Garantie allmählich zurückhaltender wird. Diese Entwicklung trifft auch nicht systemrelevante Staatsunternehmen. Staatsunternehmen sind am stärksten verschuldet, da sie über leichteren Zugang zu Bankfinanzierung verfügen.

Die entscheidende Frage ist, ob die Schuldenentwicklung vor einer Trendwende steht. Angesichts der politischen Agenda dieses Jahres kann auf kaum mehr als eine bloße Mäßigung des Kreditwachstums gehofft werden. Peking ist sich der drohenden Schuldenbombe bewusst, zögert den Entschuldungsprozess jedoch immer weiter hinaus. Einige Maßnahmen wurden bereits getroffen. So sind u. a. Schuldenswaps erfolgt, die zur Auflösung hunderter erfasster „Zombie-Unternehmen“ sowie zu Fusionen und Akquisitionen in der Kohle- und Stahlindustrie geführt haben. Allerdings könnte diese letzte Entwicklung lediglich eine Übertragung des Risikos von Staatsunternehmen auf Banken (und Sparer) darstellen, da das zugrunde liegende Risiko nicht behoben wird.

Der Entschuldungsprozess bedarf noch intensiver Anstrengungen. Bisher hat die Regierung dazu jedoch keine schlüssige Strategie vorgelegt, die Unternehmen zu strengerer Finanzdisziplin auffordern würde. Eigeninteressen und Angst um die nationale Stabilität erklären den mangelnden Willen zur Durchführung unerlässlicher Reformen. Außerdem behindern sie, ungeachtet Pekings Bekenntnis zu einer größeren Marktdynamik, die Umstrukturierung von Staatsunternehmen.

Banken- und Finanzkrise absehbar

Die Schuldenspirale, in Form von minderwertigem Bankenvermögen, droht, eine Bank- und Finanzkrise auszulösen, wenn nicht entschiedene Korrekturmaßnahmen ergriffen werden. Wenn Unternehmen und Banken (sowie zahlreiche Akteure des Nichtbankensektors) getroffen würden, hätte dies auch über 2017 hinaus noch schwere Folgen für die Wirtschaftsaktivitäten. Die schwindende Stabilität des Bankensektors äußert sich in rückläufigen Gewinnen und einem steigenden Anteil notleidender Kredite. Letzterer wird auf 15 % geschätzt, auch wenn der Wert laut offiziellen Angaben unter 2 % liegt. Hinzu kommt, dass Risiken möglicherweise unterschätzt werden, da es an Transparenz mangelt und der Umfang des Schattenbanksystems erheblich ist (rund 15 % aller Kredite und nahezu 50 % des BIP). Mit Schuldenswaps könnten notleidende Kredite in den Büchern der Banken reduziert werden, doch ob sich dadurch deren langfristige Finanzlage verbessert, ist schwer zu sagen. Auch die Tatsache, dass Banken zunehmend auf Finanzierung von anderen Banken und Kreditinstituten zurückgreifen, um den Abwärtstrend der Einlagen auszugleichen, gibt Anlass zur Sorge.

Langfristig betrachtet sind kleine, lokale Banken am anfälligsten, da sie über einen deutlich niedrigeren Einlagenbestand verfügen und aufgrund des starken Kreditwachstums den größten Anteil notleidender Kredite aufweisen. Im Vergleich hierzu wirken mittlere und große staatliche Geschäftsbanken stabiler und sollten in diesem Jahr bzw. in den kommenden Jahren rekapitalisiert werden.

Pekings Finanzkraft kann inländischen Schocks standhalten 

Die steigenden Unternehmens- und Bankenrisiken werden von der hohen Sparquote privater Haushalte, der starken Nettogläubigerposition des Staats sowie der niedrigen Verschuldung der Zentralregierung eingedämmt. Auch die Tatsache, dass zahlreiche Wirtschaftsakteure anhand eines umfangreichen Netzwerks an Staatsunternehmen und staatlichen Geschäftsbanken von der KPCh kontrolliert werden, ist ebenfalls von Vorteil. Es wurden bereits verschiedenste Maßnahmen zur Verbesserung und zukunftssicheren Gestaltung der Wirtschaft gefordert. Dazu zählen der Konkurs (nicht systemrelevanter) finanziell nicht tragfähiger Unternehmen, die Bereinigung der Bilanzen überschuldeter Staatsunternehmen, die Rekapitalisierung des weltweit größten Bankensektors (zumindest der systemrelevanten staatlichen Banken) sowie eine bessere Überwachung und Regulierung des Schattenbanksystems. Je länger Peking sich weigert, das Wirtschaftswachstum zu drosseln, desto wirkungsloser werden die verfügbaren Abhilfemaßnahmen und desto stärker wirkt sich das Aufschieben notwendiger Reformen auf das mittel- bis langfristige Wachstumspotenzial aus. Es bleibt abzuwarten, ob während Xis politisch stärkeren zweiten Amtszeit mit einer Beschleunigung der Reformen gerechnet werden kann und ob sich der Umstrukturierungsprozess von vor 15-20 Jahren wiederholt. Derweil wird die Zahl der staatlichen Rettungsaktionen langsam zurückgehen, was in erster Linie Sektoren mit Überproduktion trifft wie z. B. Kohle, Stahl oder Schiffbau.

Die Staatsverschuldung ist im Vergleich zur Unternehmensverschuldung deutlich niedriger. Dank der günstigen Haushaltslage und dem niedrigen Schuldenstand (15 % des BIP) hat Chinas Zentralregierung Spielraum für fiskalische Anreize.

In der Folge stieg das chinesische Haushaltsdefizit 2016 auf 3 % des BIP an. Ein ähnlicher Wert wird auch für die kommenden Jahre prognostiziert. Die Staatsverschuldung weist einen Aufwärtstrend auf: Von unter 40 % des BIP im Jahr 2014 steigt sie dieses Jahr auf voraussichtlich 50 % an. Dieser Trend wird sich fortsetzen, da der Staat eine schwächelnde Wirtschaft unterstützt und vor hohen Eventualverbindlichkeiten von Staatsunternehmen und staatlichen Geschäftsbanken steht. Der größte Anteil ist jedoch auf Kommunalregierungen zurückzuführen. Zusätzlich zu dem 2015 gestarteten Schuldenswap-Programm emittieren diese weiterhin außerbudgetäre Anleihen und treiben damit ihre Schulden unaufhörlich in die Höhe.

Niedriges externes Finanzrisiko 

China weist eine niedrige und tragfähige Auslandsverschuldung auf und bekräftigt damit, dass die Schuldenproblematik primär nationaler Art ist. Tatsächlich ist die Auslandsverschuldung seit 2015 sogar gesunken: von 16,8 % des BIP im Jahr 2014 auf prognostizierte 10,2 % des BIP im Jahr 2016. Grund für diesen Rückgang von vorwiegend kurzfristigen Verbindlichkeiten ist die beschleunigte Tilgung von Auslandsschulden, da sich der Renminbi gegenüber dem US-Dollar im Abwärtstrend befindet. Für die kommenden Jahre wird zunächst eine Stabilisierung der Auslandsverschuldung erwartet, bevor sie mittel- bis langfristig wieder schrittweise ansteigt.

Trotz der hohen kurzfristigen Auslandsverschuldung, die Mitte 2016 28 % der gesamten Auslandsverschuldung ausmachte, ist die externe Liquidität ausgesprochen stark. Tatsächlich verfügt China über die weltweit größten Währungsreserven, die ca. 16 Monatsimporte (2013: 19 Monatsimporte) sowie das 3,5-Fache der kurzfristigen Auslandsverschuldung abdecken. Dennoch sind die Reserven 2015/16 erstmalig seit 1992 um 21 % zurückgegangen. Zurückzuführen ist diese Entwicklung auf Nettokapitalabflüsse und die Interventionen der PBC zur Eindämmung des Kursrückgangs des Renminbi. Die Reserven sind unter die symbolische Marke von 3 Billionen US-Dollar, d. h. auf ein Sechsjahrestief, gefallen und dürften diesen Abwärtstrend aufgrund von Kapitalabflüssen und dem sinkenden Leistungsbilanzüberschuss mittel- bis langfristig fortsetzen.

Wenn die chinesischen Behörden jedoch entschiedene Maßnahmen treffen, um die weitere Aufzehrung der Währungsreserven zu verhindern, dürfte der Rückgang deutlich entschärft werden. Dazu sind verschiedene Schritte in Vorbereitung wie zum Beispiel ein flexiblerer Wechselkurs, höhere Zinsen und zusätzliche Kapitalverkehrskontrollen.