Risikofaktoren und Ausblick

Iran hat eine relativ diversifizierte Wirtschaft: Im Vergleich mit anderen Erdölexporteuren der MENA-Region hat das Land seine Abhängigkeit von Öleinnahmen auf einen der niedrigsten Werte reduziert. Gleichzeitig wurde die iranische Wirtschaft von internationalen Sanktionen in erheblichem Maße getroffen. Die 2012 erfolgte Verschärfung der Sanktionen führte zu einem höheren Haushaltsdefizit, einem deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung sowie zu einem niedrigeren Leistungsbilanzüberschuss. Mit der Aufhebung der Sanktionen dürfte sich die Wirtschaft 2016 jedoch rasch erholen. Außerdem decken die Devisenreserven 17 Monatsimporte ab, und die Auslands- und Staatsverschuldung ist mit ca. 7,3 bzw. 15,9 % des BIP am Ende des Jahres 2014 sehr gering. Aus diesen Gründen und auch weil die  sich auf das Atomprogramm beziehenden internationalen Sanktionen aufgehoben wurden, wird sowohl das kurzfristige als auch das langfristige politische Risiko Irans in die Kategorie 6 auf einer Skala von 1 (bester Wert) bis 7 (schlechtester Wert) eingeordnet.

Die Regierung Ruhani konnte die Inflation im Jahr 2015 auf 14 % senken, einen günstigeren Wert als 2012, als die Inflation bei 41 % lag. Auch die Verfügbarkeit von Krediten für den Privatsektor zu geringen Kosten wird bei der Ermittlung des systemischen Geschäftsrisikos des Landes als positiver Faktor gewertet. Gleichzeitig weist Iran ein relativ schwieriges Geschäftsklima auf. Es mangelt an Rechtsstaatlichkeit und Rechenschaftspflicht, die Korruption ist hoch, während der Wechselkurs überbewertet ist. Folglich ordnet die Credendo Group das Geschäftsrisiko in Kategorie C ein (auf einer Skala von A bis C).

Fakten & Kennzahlen

Pro

  • Niedrige Auslands- und Staatsverschuldung
  • Großer Rohstoffreichtum
  • Hohe externe Liquidität
  • Relativ diversifizierte Wirtschaft

Kontra

  • Staats- und Exporteinnahmen von Rohstofferlösen abhängig
  • Schwieriges Geschäftsumfeld
  • Stagflation
  • Verbleibende internationale Sanktionen

Hauptexportgüter

  • Öl & Gas (57,2 % der Leistungsbilanzeinnahmen), Verkehr, Transport und Versicherung (5,1 %), private Transfers (0,6 %)

Einkommensgruppe

  • Hohes mittleres Einkommen

Staatsoberhaupt

  • Oberster Führer Ali Hosseini-Khamene’i (seit 1989)

Pro-Kopf-Einkommen (USD)

  • 6.820 (2013)

Bevölkerung

  • 78,5 Millionen

Wahlsystem

  • Oberster Führer: vom Expertenrat auf Lebenszeit ernannt
  • Präsident: Wahlen alle vier Jahre, nächste Wahlen im Juni 2017
  • Parlamentswahlen (Versammlung des Islamischen Rates bzw. Madschlis-e Shoraha-ye Eslami bzw. Madschlis, eine Kammer): nächste Wahlen im Februar 2016

Präsident

  • Hassan Fereidun Ruhani (seit 2013)

Länderstudie

Stabiles, aber empfindliches politisches Gleichgewicht

Die politische Stabilität Irans stützt sich auf die Machtbalance zwischen den unterschiedlichen Elitegruppen: der politischen Elite, der militärischen Elite und der religiösen Elite. Der Prozess der politischen Entscheidungsfindung bedarf weitreichender Verhandlungen zwischen den verschiedenen Gruppierungen und Interessengemeinschaften, vorwiegend hinter verschlossenen Türen. Im Mittelpunkt des politischen Systems steht der Oberste Führer, der die höchste politische und religiöse Instanz ist. Ayatollah Ali Khamene’i, der bis zum Tod des Obersten Führers Ayatollah Ruhollah Khomeini Präsident Irans war, hat derzeit dieses Amt inne. Der 76-jährige Khamene’i ist auf Lebenszeit ernannt. Er hat bedeutende Macht über diverse Institutionen und das letzte Wort bei sämtlichen politischen Entscheidungen. Üblicherweise wartet er jedoch, bis sich in den Debatten ein Konsens herausbildet und schreitet nur ein, wenn ein Stillstand überwunden werden muss. Khamene’is Hauptaufgabe besteht somit darin, das Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Machtblöcken aufrechtzuerhalten und ein übermäßiges Erstarken einer einzelnen Fraktion zu verhindern.

Dieses Gleichgewicht gerät jedoch zunehmend unter Druck, da ein Teil der militärischen Elite, das Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss ausgedehnt hat. Das IRGC, eine Kombination aus Armee-Einheit und Geheimdienst, besitzt in Iran ein gigantisches Unternehmenskonglomerat. Das IRGC spielt eine wichtige politische Rolle bei Entscheidungsprozessen, indem es gewählte oder öffentliche Ämter mit ehemaligen Mitgliedern besetzt. Die Quds-Truppe, eine Spezialeinheit des Korps, kämpft im Namen Irans auch außerhalb des Landes und wurde von den USA als Terrororganisation eingestuft. Der Einfluss des IRGC auf die iranische Wirtschaft ist seit Beginn der Liberalisierungspolitik der Islamischen Republik Anfang der 90er Jahr kontinuierlich gewachsen. Nach dem Krieg mit Irak (1980-88) wies der ehemalige Präsident Rafsandschani die Garden an, die Regierung beim Wiederaufbau des Landes zu unterstützen, was dem IRGC erlaubte, sich in unterschiedliche Sektoren auszudehnen – ein Trend, der sich unter der Regierung Ahmadinedschad (2005-13) fortsetzte. Auch Khamene’is Abhängigkeit vom IRGC bei der Unterdrückung der Proteste im Jahr 2009 hatte einen deutlichen Anstieg des innenpolitischen Einflusses des Korps zur Folge. Seit dem Amtsantritt Ruhanis im Jahr 2013 ist die Zahl der Privatisierungen, da die Regierung versucht, den finanziellen Einfluss der mit dem IRGC verbundenen Unternehmen zu verringern. Hier ist anzumerken, dass Sanktionen gegen IRGC-Unternehmen auch weiterhin bestehen bleiben, da ausschließlich Sanktionen in Verbindung mit dem Atomprogramm aufgehoben werden. Dies kann für Unternehmen, die mit iranischen Unternehmen kooperieren, zu erheblichen Risiken führen.

Das iranische Regime ist seit der Staatsgründung nach der Revolution von 1979 relativ stabil. So überstand es im Jahr 2009 die Proteste der „Grünen Bewegung“, die seine Autorität infrage stellte und den Rücktritt Präsident Ahmadinedschads forderte. Das IRGC unterdrückte die Proteste auf Weisung Khamene’is mit großer Härte, doch gleichzeitig erkannten Khamene’i und andere Mitglieder der Elite, dass die öffentliche Forderung nach einem Systemwandel nicht unbeantwortet bleiben konnte. 2013 erlaubten sie die Wahl von Hassan Ruhani und erteilten ihm ein Mandat für die Aushandlung einer Vereinbarung zur Beilegung des Nuklearkonflikts.

Eine Insel im Nahen Osten

Die internationalen Beziehungen Irans sind seit Langem angespannt. Seit der Revolution im Jahre 1979 besteht ein Grundprinzip der Islamischen Republik aus der Feindseligkeit gegenüber dem Westen (in erster Linie USA und Israel). Der Westen hingegen bezichtigte Iran des „skrupellosen Verhaltens“ aufgrund seiner Unterstützung militanter Gruppierungen in Libanon, Palästina und Irak. Die internationale Isolierung Irans wurde mit der Ratifizierung mehrerer Sanktionsrunden durch die UN zwischen 2006 und 2012 weiter verschärft. Die Sanktionen waren eine Reaktion auf die Weigerung Irans, die Urananreicherung einzustellen und mit der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) zu kooperieren. Die im Juli 2015 geschlossene Vereinbarung zum iranischen Atomprogramm hat den internationalen Status Irans verbessert, doch das Land ist von seiner ablehnenden Haltung gegenüber Israel und den USA nicht abgerückt.

Nach der Revolution 1979 und insbesondere während des kostspieligen Iran-Irak-Kriegs geriet Iran auch regional in Isolation. Mit einer schiitischen Bevölkerungsmehrheit ist Iran eine schiitische islamische Republik, während die meisten Nachbarstaaten im Nahen Osten zwar schiitische Bevölkerungsteile (bzw. Minderheiten) haben, jedoch von Sunniten dominiert werden. Seit dem Iran-Irak-Krieg versucht Iran, strategische Bündnisse zu schließen, um seine Isolation zu beenden und in der Region Macht zu gewinnen. Iran ist heute in zahlreichen Nachbarstaaten aktiv: in Syrien, wo es Präsident Assad unterstützt, in Libanon mit finanzieller und militärischer Unterstützung für die Hisbollah sowie in Irak, wo das IRGC gegen die Organisation Islamischer Staat (IS) kämpft. Der wachsende Einfluss des schiitischen Irans wird von den sunnitischen Ländern als ernsthafte strategische Gefährdung ihrer nationalen Sicherheit wahrgenommen. Außerdem streben sowohl Iran als auch Saudi-Arabien Dominanz in der Region an. Dies kann zu erhöhten Spannungen führen, insbesondere durch Stellvertreterkriege, wie der derzeitige Krieg in Jemen zeigt. Iran unterstützt dabei (angeblich) die Huthi-Rebellen in Jemen, während Saudi-Arabien die internationale Koalition gegen diese Rebellen anführt. Aufgrund dieser regionalen Dynamik können religiöse Auseinandersetzungen in der Region trotz des Atomabkommens künftig nicht ausgeschlossen werden.

Auswirkungen der internationalen Sanktionen auf die Wirtschaft

Zwischen 2006 und 2010 ratifizierte die UN vier Sanktionsrunden als Reaktion auf die Weigerung Irans, die Urananreicherung einzustellen und mit der IAEO zu kooperieren. Die EU und die USA verhängten sogar noch weiterreichende bilaterale Sanktionen, die u. a. Beschränkungen für Geldtransfers von und nach Iran sowie ein Verbot umfassten, Exportkreditgeschäfte einzugehen. Aufgrund der Exterritorialität der US-Finanzsanktionen brachen Finanzinstitute ihre Kontakte mit Iran ab und stellten Geldtransfers ein, auch für Zahlungsverpflichtungen, die sich aus vor der Verhängung der Sanktionen geschlossenen Verträgen ergaben. Im Januar 2012 wurden diese Sanktionen erweitert und umfassten nunmehr ein Importverbot für iranisches Erdöl und iranische Erdölerzeugnisse. Im März 2012 musste SWIFT seine Kommunikationsdienste für iranische Finanzinstitute einstellen. Damit war das Land vom weltweiten Finanzsystem abgeschnitten.

Die Verschärfung der internationalen Sanktionen im Jahr 2012 verursachte heftige Schocks und führte zu einem zwei Jahre andauernden, starken Rückgang der Wirtschaftsleistung (s. Grafik unten). Auch die Leistungsbilanz wurde von der Verschärfung der Sanktionen beeinflusst. Nachdem sie jahrelang positiv gewesen war, halbierte sie sich 2012 auf 6,6 % des BIP. Im November 2013 unterzeichneten die P5+1 (China, Frankreich, Russland, das Vereinigte Königreich und die USA plus Deutschland), die EU und Iran eine Vereinbarung zur kurzfristigen Einstellung von Teilen des iranischen Atomprogramms; gleichzeitig wurden die Wirtschaftssanktionen gegen Iran im Rahmen des gemeinsamen Strebens nach einem langfristigen Abkommen gelockert. Diese Vereinbarung verlieh der Wirtschaft einen beträchtlichen, wenn auch kurzlebigen Impuls und führte 2014 zu einem Wirtschaftswachstum von 4,3 %. Aufgrund des Mitte 2014 einsetzenden Rückgangs des Ölpreises blieben die Auswirkungen auf die Leistungsbilanz jedoch geringer.

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Am 14. Juli 2015 stimmte Iran einer langfristigen Vereinbarung zu, die eine erhebliche Einschränkung des Atomprogramms vorsah. Im Gegenzug sicherten UN, EU und USA Iran zu, einige der nuklearbezogenen Sanktionen aufzuheben. Der Abschluss der Vereinbarung führte 2015 zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums auf 0 %, da Konsum- und Investitionsentscheidungen vor dem Hintergrund der erwarteten Lockerung der Wirtschaftssanktionen aufgeschoben wurden. Mit der Aufhebung der Sanktionen dürften die höhere Ölfördermenge, niedrigere Kosten für Handel und Finanztransaktionen sowie erneuter Zugang zu ausländischem Vermögen das reale BIP-Wachstum im Jahre 2016 auf 4,3 % ansteigen lassen. Die Leistungsbilanz dürfte auf einem niedrigen Stand verbleiben, da der Ölpreis Erwartungen zufolge mittelfristig niedrig bleibt.

Der vom Atomabkommen ausgelöste konjunkturelle Rückenwind wird ein Stück weit abgeschwächt, da die Ausführung normaler Geschäftstätigkeiten in Iran mit Schwierigkeiten verbunden ist. Zum einen bewirkt der sogenannte „Snap back“-Mechanismus, dass sämtliche Sanktionen automatisch wieder eingesetzt werden können, wenn Iran gegen die Vereinbarung verstößt. Zum anderen bleiben einige Sanktionen weiterhin bestehen; diese stehen mit anderen Aspekten der iranischen Politik in Verbindung wie etwa Menschenrechtsfragen, Unterstützung von Terrorismus und dem iranischen Programm für ballistische Raketen. Insbesondere US-Unternehmen und ausländische Unternehmen, die stark im US-Markt engagiert sind, stoßen bei Geschäftstätigkeiten mit Iran aufgrund der verbleibenden Sanktionen auf weitere Hürden. Darüber hinaus ist das iranische Geschäftsumfeld recht schwierig. Im „Ease of Doing Business“-Index der Weltbank von 2016 liegt Iran auf Platz 118 von 189. Das Land ist für einen hohen Verwaltungsaufwand, Intransparenz staatlicher Institutionen sowie für ein unsicheres Regulierungsumfeld bekannt. Darüber hinaus mangelt es an Rechtsstaatlichkeit und Rechenschaftspflicht und die schleichende Korruption ist hoch. Schließlich ist auch das Rechtssystem Irans veraltet und umständlich. Diese Faktoren behinderten einen Zufluss von Direktinvestitionen bereits vor der Verhängung der internationalen Sanktionen. Mit der Aufhebung der Sanktionen hat der Staat jedoch einen größeren Anreiz, Reformen umzusetzen, die das Geschäftsumfeld verbessern und damit neue ausländische Investoren anziehen.

Diversifizierte Wirtschaft

Iran verfügt über die weltweit viertgrößten nachgewiesenen Erdölreserven und die zweitgrößten Erdgasreserven. Trotz dieser reichen Vorkommen hat das Land seine Abhängigkeit von Öleinnahmen im Vergleich mit anderen Erdölexporteuren der MENA-Region auf einen der niedrigsten Werte reduziert (s. Grafik). Dies ist u. a. auf die Wirtschaftsstruktur zurückzuführen, die gegenüber den anderen Staaten in der Region relativ diversifiziert ist. Zum einen ist Iran reich an anderen Rohstoffen: Neben Brennstoffen ist das Land der elftgrößte Mineralproduzent weltweit und der größte im Nahen Osten. Es verfügt u. a. über Kupfer, Eisen, Chrom, Phosphate, Salz, Gold und Silber. Zum anderen ist Iran nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Produzent von petrochemischen Produkten im Nahmen Osten. Darüber hinaus verfügt das Land über eine etablierte Automobilindustrie mit erheblichem Wachstumspotenzial. In den vergangenen Jahren hat die iranische Regierung weitere Diversifizierungsanstrengungen unternommen, auch aufgrund der Auswirkungen der internationalen Sanktionen auf den Ölsektor (s. o.). Die Sanktionen haben den iranischen Energiesektor hart getroffen und zur Einstellung oder Verspätung einiger Projekte im Öl- und Gasbereich geführt. Die Aufhebung der Sanktionen dürfte die Förderung und den Export von Erdöl beschleunigen. Iran könnte in der Lage sein, unabhängig vom Ölpreis weitere 600.000 bis 900.000 Barrel Öl am Tag zu fördern und diese Zahl mittelfristig auf etwa 4 Millionen Barrel täglich zu erhöhen. Zur Erreichung dieses Zieles müssen jedoch Investitionen, Technologie und Know-how aus dem Ausland angezogen werden. Auch andere Schlüsselbranchen werden von der Aufhebung der Sanktionen profitieren, da die Automobilbranche von importierten Teilen abhängig ist und die petrochemische Industrie ihre Exporte wieder aufnehmen könnte.

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Die Regierung verfolgt eine solide makroökonomische Politik

Unter Ruhani richtet die Regierung ihr Augenmerk auf die Lösung der wirtschaftlichen Probleme. Ruhanis umsichtige makroökonomische Politik hat einen Beitrag zur Stabilisierung der iranischen Wirtschaft geleistet. Eine der Prioritäten ist die Inflation. Seit Langem hat Iran eine hohe und volatile Inflationsrate, wie der nachstehenden Grafik zu entnehmen ist. Bis vor kurzem setzte die Regierung weniger auf Inflationsbekämpfung als vielmehr auf Leistung. Doch seit der Wahl von Präsident Ruhani im Jahr 2013 unternimmt die Regierung Anstrengungen, um die Inflation zu senken. Jüngere Daten zeigen, dass Iran in diesem Bereich Fortschritte erzielt hat: Für die Jahre 2014 und 2015 wird die Inflation auf jeweils 16,2 % und 14 % geschätzt, während sie 2012 noch beim extrem hohen Wert von 41 % lag. Es wird erwartet, dass die Inflation 2016 in den einstelligen Bereich, auf etwa 9 %, sinkt.

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Die Regierung hat sich außerdem der Haushaltsbilanz angenommen, die seit 2011 defizitär ist. 2012 geriet die Haushaltsbilanz mit der Ausweitung der Sanktionen weiter unter Druck. Doch die iranische Regierung hat inzwischen Reformen zur Lösung dieses Problems auf den Weg gebracht. Zum einen wurde die Einkommensgrundlage erweitert und damit die Ölabhängigkeit gesenkt. 2011 stammten 55 % der gesamtstaatlichen Einnahmen aus dem Ölsektor, wodurch der Haushalt unter Druck geriet, als sich die Sanktionen 2012 gegen eben diesen Sektor richteten. In der Folge fiel der aus dem Ölsektor stammende Anteil an den Staatseinnahmen 2014 auf 39 %. Auch mit der jüngsten Aufhebung der Sanktionen wird nicht mit einem erneuten Anstieg der Ölabhängigkeit gerechnet, da der Ölpreis mittelfristig niedrig bleiben wird. Zum anderen hat die Regierung vor dem Hintergrund des aufwändigen Subventionssystems beschlossen, die laufenden öffentlichen Ausgaben zu kürzen. Anfang 2014 kündigte die Regierung eine Senkung der Energiesubventionen an, was im März/April 2014 zu einem Anstieg des Kraftstoffpreises von ca. 30 % führte. Die jüngsten Reformen haben den Haushalt entlastet, doch weitere Maßnahmen sind notwendig. Dank der Aufhebung der Sanktionen im Jahr 2016 dürfte das Haushaltsdefizit von 2,5 % des BIP im Jahr 2015 auf 1,3 % zurückgehen. Die Aufhebung der Sanktionen erlaubt der Regierung ebenfalls, auf einen größeren Teil ihres Auslandsvermögens zuzugreifen, das zur Hälfte eingefroren ist. Auch der Zugang zu internationalen Kapitalmärkten ist nunmehr wiederhergestellt, was der Regierung ermöglicht, die Auslandsverschuldung zu erhöhen (2015 lag die öffentliche Auslandsverschuldung bei lediglich 8,9 % des BIP). Folglich schafft die Aufhebung der Sanktionen bessere Bedingungen für die Fortführung einer soliden makroökonomischen Politik und das Voranbringen notwendiger Reformen, wie etwa die weitere Diversifizierung der Einnahmen sowie Subventionsreformen.

Großer Nettoauslandsgläubiger

Iran ist ein großer Nettoauslandsgläubiger. Die Auslandsverschuldung (weniger als 2 % des BIP) sowie die Schuldendienstquote sind äußerst niedrig, was u. a. darauf zurückzuführen ist, dass das Land keinen Zugang zu internationalen Kapitalmärkten hat. Das Auslandsvermögen des Bankensystems entspricht etwa 50 % des BIP. Ein Großteil dieses Vermögens ist jedoch eingefroren und kann im Zahlungsverkehr nicht genutzt werden, auch nach der jüngsten Aufhebung der Sanktionen. Das Land verfügt über ein komfortables Devisenpolster, das 2014 17 Monatsimporte abdeckte. Im Vergleich zu vielen anderen MENA-Staaten ist dies ein hoher Wert (s. Grafik). Ein erheblicher Anteil war jedoch unzugänglich, solange die mit dem Atomprogramm zusammenhängenden Sanktionen in Kraft waren. Dies hat zu Zahlungsrückständen gegenüber dem Ausland geführt, da Iran Schwierigkeiten bei der Ausführung von Zahlungen hatte. Nach der Aufhebung der internationalen Sanktionen sollte Iran nunmehr in der Lage sein, diese Rückstände zu tilgen.

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