Risikofaktoren und Ausblick

Die kräftige wirtschaftliche Erholung seit 2011 dürfte anhalten und vor allem vom Nichtölsektor getragen werden. Der Föderation kommt die starke Finanzposition gegenüber dem Ausland zugute, die auf hohen Ölexporteinnahmen beruht und hauptsächlich im Staatsfonds Abu Dhabis gesammelt ist. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) wurden von den politischen Ereignissen in der arabischen Welt relativ begünstigt, da die politische Stabilität trotz Kritik nicht von den regionalen Unruhen beeinträchtigt wurde. Inzwischen kommt die Restrukturierung der Schulden staatsnaher Unternehmen voran, die Refinanzierung bleibt jedoch eine Herausforderung.

Fakten & Kennzahlen

Pro

  • Hohe Energiereserven und Einnahmen
  • Abu Dhabis ADIA ist der weltweit größte Staatsfonds
  • Lage: interregionales Handelszentrum
  • Attraktive Stabilität für Investoren und Touristen

Kontra

  • Trotz Bemühungen zur Diversifizierung weiterhin starke Abhängigkeit von Energieeinnahmen
  • Refinanzierung der staatsnahen Unternehmen bleibt eine Herausforderung und hängt von der zukünftigen Wirtschaftsentwicklung ab
  • Finanzielle Transparenz bleibt begrenzt

Hauptexportgüter

  • Öl und Gas (76,3% der Leistungsbilanzeinnahme),Einnahmen aus Investitionen (11%)

Einkommensklasse

  • hohes Einkommen

Pro-Kopf-Einkommen (USD)

  • 41.930 (2009)

Bevölkerung

  • 7,5 Millionen

Wahlsystem

  • Präsident: gewählt vom Obersten Herrscherrat
  • Föderaler Nationalrat: die Hälfte der Delegierten wird von den Regierungen der konstituierenden Emirate ernannt, die andere Hälfte wird gewählt (zuletzt im September 2011)

Regierungschef

  • Premierminister Mohammed Bin Rashid Al Maktoum (seit 2006)

Staatsoberhaupt

  • Präsident Khalifa Bin Zayed Al Nahyan, Herrscher von Abu Dhabi (seit 2004)

Länderstudie

Die VAE wurden trotz vorher nicht gekannter Kritik an der Politik von den regionalen politischen Unruhen relativ begünstigt

Der politische Aufruhr, der den Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika seit Jahresbeginn 2011 erschütterte, scheint keinen negativen Einfluss auf die Stabilität in den VAE zu haben. Die Föderation der Emirate von Abu Dhabi, Dubai, Sharjah, Ajman, Umm al Qawain, Fujairah und Ras Al-Khaimah erlebte lediglich begrenzte politische Kritik – was allerdings von Bedeutung ist, da es Kritik an der politischen Führung vorher nie gegeben hatte. Dutzende islamistischer Aktivisten wurden im vergangenen Sommer verhaftet und es fehlt in der Föderation an bedeutenden demokratischen Institutionen. Trotzdem schafft es die politische Opposition nicht, sich in den VAE zu entwickeln. Die begrenzten Proteste und die schwache Opposition sind auf die Popularität der Herrscherfamilien zurückzuführen, die den Ölreichtum durch hohe Gehälter im öffentlichen Dienst und Unterstützungszahlungen verteilt. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass nur etwa 10 bis 20% der Bevölkerung Bürger der VAE sind. Die Emirate konnten auch wirtschaftlich von ihrer relativen Stabilität während des arabischen Frühlings in den vergangenen eineinhalb Jahren profitieren. Sie werden in der Region als sicherer Hafen gesehen und als ein stabilerer Standort für Geschäfte, Investitionen und Tourismus als andere arabische Ziele.

Trotzdem sind die Emirate nicht immun gegen geopolitische Spannungen, wie der internationale Konflikt um das iranische Atomprogramm und die Unruhen in Bahrain gezeigt haben. Letztere führten im vergangenen Jahr zum Einsatz von Truppen der Emirate in Bahrain. Gleichzeitig unterhalten die VAE enge Beziehungen zu den Mitgliedern des Golfkooperationsrates und den westlichen Alliierten – die US-Armee nutzt dort Einrichtungen – für die die strategische Lage der VAE an der Straße von Hormus bedeutend ist. Wenn der Iran seine Drohung einer Blockade der Meerenge im Januar 2012 wahr gemacht hätte - was ziemlich unwahrscheinlich scheint - hätten die VAE daher Unterstützung ihrer internationalen Partner bei der Überwindung der Blockade erhalten. Darüberhinaus haben die VAE jüngst die Habshan-Fujairah- Pipeline in Betrieb genommen, die die Straße von Hormus umgeht. Dies verringert die Abhängigkeit der emiratischen Ölexporte von der Passierbarkeit der Straße von Hormus, da die geplante Kapazität der Pipeline für die Hälfte der Ölexporte der VAE ausreicht.

Der Herrscher des Emirats Abu Dhabi ist der Präsident der Föderation. Abu Dhabi besitzt eine zunehmende politische Autorität, die in seiner bedeutenden Finanzkraft und den wichtigen Energieressourcen begründet ist. Da das Emirat den Großteil der Energiereserven der VAE beherbergt, verfügt Abu Dhabi über den größten Staatsfonds weltweit, die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA). Die Staatseinnahmen Abu Dhabis machen fast zwei Drittel der gesamten Staatseinnahmen der VAE aus, und seit das Emirat finanzielle Unterstützung für die notleidenden staatsnahen Unternehmen Dubais leistete, hat Abu Dhabi seinen politischen Einfluss in der Föderation erfolgreich ausgeweitet.

Energieressourcen bilden eine starke Basis für die wirtschaftliche Entwicklung in Phasen hoher Energiepreise

Die Wirtschaftsleistung der Emirate konzentriert sich in Abu Dhabi und Dubai, sie wird gestützt von hohen Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung. Beide Emirate zusammen verfügen über etwa 98% der bekannten Ölreserven der Föderation, den sechstgrößten Reserven weltweit. 2010 trug die Öl- und Gasproduktion 30% zum BIP der VAE bei. Abu Dhabi verfügt über den Großteil der Ölressourcen, dagegen ist die Wirtschaft Dubais diversifizierter. Das reale Wirtschaftswachstum der VAE erreichte zwischen 2003 und 2008 durchschnittlich 9%, aber die Wirtschaft erlitt 2009 einen ernsten Einbruch von mehr als 3%. Dies war eine Folge des Ölpreisverfalls, der in der zweiten Jahreshälfte 2008 begann, und der ernsten Schuldenkrise regierungsnaher Unternehmen in Dubai, die hohe Risiken angesammelt hatten. Seither haben sich die Ölpreise und der Handel erholt, die Wirtschaftsleistung nahm 2010 wieder zu, allerdings zunächst nur um weniger als 1%. 2011 erreichte das Wirtschaftswachstum mit etwa 5% wieder ein höheres Niveau. Diese Entwicklung wurde unterstützt von hohen Ölpreisen und einer Zunahme der Ölproduktion zum Ausgleich des Produktionsausfalls in Libyen. Hinzu kam eine starke Zunahme der Leistung außerhalb des Öl- und Gassektors, vor allem in Handel, verarbeitendem Gewerbe, Logistik und Tourismus. Die Entwicklung dieser Sektoren kann die fortgesetzte Schwäche im Bau und der Immobilienwirtschaft ausgleichen. Die VAE profitieren damit von der Diversifizierung ihrer Wirtschaft, um die sie sich lange bemüht haben. Schließlich hat sich das Land zu einem bedeutenden regionalen Dienstleistungszentrum mit wichtigen Angeboten für Tourismus, Transport und Logistik entwickelt.

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Im laufenden und im kommenden Jahr dürfte das Wirtschaftswachstum (für 2012 wird mit 2% gerechnet und 2013 werden etwa 3% erwartet) größtenteils vom Nichtölsektor stammen, da der Spielraum für eine weitere Erhöhung der Ölproduktion sehr begrenzt ist. Da die Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf wichtig für das Land bleiben, können schwankende Weltmarktpreise für Energie den Ausblick sowohl negativ als auch positiv beeinflussen. Eine Eskalation der regionalen Spannungen, die die Ölpreise anheben und den Status der VAE als sicherer Hafen verstärken, würde einerseits den Ausblick für das Land verbessern. Andererseits würde eine stagnierende Weltwirtschaft nicht nur die Finanzierungsbedingungen im Ausland verschlechtern, sondern auch die internationale Nachfrage nach Öl und Gas verringern und so die Preise drücken. Eine wirtschaftliche Abschwächung in Asien würde zudem Handel und Tourismus treffen.

Regierungsnahe Unternehmen erholen sich, ihre Refinanzierung bleibt aber eine Herausforderung

Bis zum Jahr 2009 haben regierungsnahe Unternehmen in Dubai zur wirtschaftlichen Diversifizierung und dem hemmungslosen Wachstum des Emirats beigetragen. Sie wiesen aber aufgrund ihrer vorwiegend kurzfristigen Finanzierung auch ernste Risiken auf. Die Unternehmen waren mit dem Herrscherhaus eng verbunden, was zu großem Vertrauen der Finanzmärkte beitrug. Allerdings fehlte meistens eine explizite Garantie des Emirats. Daher waren diese Unternehmen im Abschwung des Wirtschaftszyklus’ und durch die globale Finanzkrise mit spürbaren Liquiditätsproblemen konfrontiert. Dies erschütterte das Vertrauen der Investoren in das Emirat und zwangen die Zentralbank der VAE sowie das Emirat Abu Dhabi zu finanziellen Hilfsleistungen an die regierungsnahen Unternehmen, die für Dubai strategische Bedeutung besitzen. Seither wurden bereits einige Umschuldungen vereinbart und weitere sind auf dem Weg. Der IWF bezifferte die öffentlichen Schulden Dubais Ende 2011 auf ca. 92% des BIP, einschließlich der Schulden regierungsnaher Unternehmen, die sich auf etwa 85 Mrd. US$ oder 60% des BIP Dubais belaufen. Etwa ein Viertel dieser Verbindlichkeiten wird in diesem oder im nächsten Jahr fällig. Daher bleibt der Finanzbedarf der regierungsnahen Unternehmen Dubais signifikant und seine Deckung stellt angesichts des volatilen Umfelds für Auslandsfinanzierungen eine Herausforderung da.

Aber das positive Wirtschaftswachstum des Emirats, besonders im Handel und im Tourismus, erleichtert die finanzielle Situation der regierungsnahen Unternehmen durch die Unterstützung der Preise für Vermögenswerte und die Verbesserung der Zahlungsflüsse. Darüber hinaus werden die Schulden des Staates und der regierungsnahen Unternehmen nun zentral vom Obersten Fiskalrat des Emirats beaufsichtigt, der für ein besseres Risikomanagement sorgen dürfte. Auch wenn die Schulden der regierungsnahen Unternehmen Abu Dhabis in Relation zum BIP geringer sind als die Dubais, bleiben sie doch nach internationalen Standards hoch. Die Staatsschulden Abu Dhabis sind trotzdem gering, so dass sich die gesamten öffentlichen Schulden des Emirats (einschließlich der Schulden der regierungsnahen Unternehmen) auf weniger als die Hälfte des BIP beschränken. Allerdings sind auch die regierungsnahen Unternehmen Abu Dhabis nicht immun gegen Verschuldungsprobleme, wie die substanzielle Finanzhilfe der Regierung Abu Dhabis für den führenden Immobilienentwickler des Emirats, Aldar, gezeigt hat. Gleichzeitig hat die Unterstützung auch die Verpflichtung Abu Dhabis gegenüber strategisch wichtigen regierungsnahen Unternehmen demonstriert.

Das Land profitiert von einer starken Leistungsbilanz und gesunden öffentlichen Finanzen

Die VAE weisen traditionell einen hohen Leistungsbilanzüberschuss aus und dies dürfte sich mit Unterstützung hoher Weltmarktpreise für Öl und Gas auch weiter fortsetzen. Auch wenn während der schwierigen Jahre 2009 und 2010 ein Rückgang des Überschusses zu beobachten war, blieb der Saldo mit mehr als 3% des BIP dennoch positiv und erholte sich kräftig auf etwa 10% des BIP im Jahr 2011. Schätzungen sehen den für einen Ausgleich der Leistungsbilanz der VAE notwendigen Ölpreis (Brent) derzeit bei etwa 75 US$ je Barrel. Ein so niedriges Ölpreisniveau wurde seit August 2010 nicht mehr verzeichnet, auch wenn die Weltmarktpreise für Energie jüngst wieder schwankten.

Das Niveau der gesamten Auslandsverschuldung der VAE als Ganzes ist mit 41% des BIP Ende 2011 nach 47% im Jahr davor akzeptabel. Ein Drittel der Auslandsschulden ist kurzfristig. Die Währungsreserven der VAE sind im historischen Vergleich relativ niedrig. Sie decken derzeit 3,9 Monatsimporte gegenüber 13 Monatsimporten im Jahr 2007. Aber diese Zahlen berücksichtigen nicht die Auslandsvermögen der Staatsfonds der VAE (vor allem der ADIA). Auch wenn diese Anlagen nicht vollständig liquide sind, summieren sie sich doch auf etwa das Vierfache der gesamten Auslandsschulden der VAE. Dies macht das Land als Ganzes zu einem Nettogläubiger gegenüber dem Ausland.

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Die Staatsausgaben sind gestiegen, aber die Staatsverschuldung bleibt niedrig

Der konsolidierte Staatshaushalt der VAE verzeichnete 2009 und 2010 Defizite, bevor der Saldo wieder in den positiven Bereich zurückkehrte. 2011 betrug der Überschuss etwa 3% des BIP, lag damit aber unter dem Durchschnittswert von 20% in den Jahren 2004 bis 2008. Nach Berechnungen des IWF hat sich der zum Ausgleich des Staatshaushalts notwendige Ölpreis innerhalb von drei Jahren von 23 US$ je Barrel 2008 auf 92 US$ je Barrel 2011 vervierfacht. Dazu hat ein starker Anstieg der Staatsausgaben im Jahr 2009 beigetragen. Die staatlichen Bruttoschulden der VAE (ohne die Schulden der regierungsnahen Unternehmen) bleiben trotz eines Anstiegs von 12,5% im Jahr 2008 auf 22,5% 2009 gering und liegen im Jahr 2011 bei weniger als einem Fünftel des BIP.

Fazit

Die VAE profitieren von umfangreichen Öl- und Gasreserven, die größtenteils in Abu Dhabi liegen. Der nicht vom Öl- und Gassektor abhängige Teil der Wirtschaft ist dank einer guten Infrastruktur und des weitentwickelten Handels- und Dienstleistungssektors Dubais ausreichend diversifiziert. Nach der Schuldenkrise, die Dubai Ende 2009 traf, hat sich Gesamtwirtschaft des Landes als widerstandsfähig erwiesen. Dank anhaltender Leistungsbilanzüberschüsse und dem großen Staatsfonds Abu Dhabis verfügen die VAE über wichtige wirtschaftliche Puffer und die starke außenwirtschaftliche Position eines Nettogläubigers.

Länderrisikoanalyst: The Risk Management Team, s.vanderlinden@credendogroup.com